Projekt Beschreibung

Woche 49/2020

Tingvall Trio

Dance (SKIP Records)

Die Poesie, mit der Martin Tingvall seine Hörer berührt, trifft den Nerv eines Publikums, welches sich überbietende Superlative für einen Augenblick aussperren wollte. Und die Frage, ob denn das Jazz oder Klassik sei, beantwortete das deutsche Feuilleton damit, dass diese Musik keine Trennung nach Genres kennt,

Das neue Album des „Tingvall Trio“ gehört zu den heißersehnten Neuerscheinungen in diesem Jahr. Kein Wunder, denn die stetig wachsende Berühmtheit des Dreiers geht weit über die Jazzwelt hinaus. Kaum eine andere Gruppe kann für sich in Anspruch nehmen, das Erbe des großen, viel zu früh verstorbenen Esbjörn Svensson so überzeugend weiterzuführen. Acht Jazz Awards in Gold, zahllose No.1 Alben in den Jazzcharts und sogar hohe Notierungen in den Pop Charts, belegen die Popularität des Pianisten

Es ist die Mischung aus Pop-Appeal, überragender Musikalität und einem Gespür für Ohrwürmer, die Pianist und Bandleader Martin Tingvall zu einem würdigen Nachfolger Svenssons macht. Wobei man Tingvall damit natürlich unrecht tut, denn er hat mit seinen kongenialen Mitstreiteitern Omar Rodriguez Calvo (Bass) und Jürgen Spiegel (Schlagzeug) längst einen ganz eigenen Sound entwickelt, der auf der neuen Scheibe „Dance“ konsequent weitergeführt wird. Der Titel ist Programm, denn wie ein roter Faden zieht sich Tanzbarkeit, Bewegung, Dynamik durch die zehn Titel des Albums

Bei den Proben zum explosiven Kracher „Cuban SMS“, wo Drummer Jürgen Spiegel die Intensität seiner Rock-Vergangenheit voll ausspielen kann, sei es den Musikern schwergefallen, überhaupt sitzen zu bleiben, womit die Idee zu einem „Tanzalbum“ geboren war, erzählt Pianist Martin Tingvall, der wieder für alle Kompositionen verantwortlich zeichnet.

Wobei man die Tanzbarkeit vielleicht nicht in jedem Fall ausprobieren sollte, wenn man nicht Gefahr laufen will, dass sich die Beine verknoten oder sich ein Herzkasper einstellt. Der „Tokyo Dance“ startet mit Spieluhr-artigen Pianoklängen, nimmt aber rasch an Fahrt auf und groovt voller fernöstlichem Flair, der „Arabic Slow Dance“ schwelgt titelgerecht in tranceartigen Oriental-Grooves, während „Ya Man“ sicher zu den flottesten Reggae-Songs aller Zeiten zählt.

Und „Spanish Swing“ und „Bolero“ verbreiten erwartungsgemäß Latin-Feeling. Das Tingvall Trio lädt also praktischerweise gleich auch zur völlig gefahrfreien Weltreise ein, ein Service, den man in Corona-Zeiten ganz besonders zu schätzen weiß. Vor allem, wenn es mit einem ungetrübten musikalischen Vergnügen verbunden ist. Verschnaufpausen bieten das stimmungsvolle „Sommarvisan“ („Sommerweise“), in dem Omar Rodriguez Calvo wieder einmal seine Bogenkünste aufblitzen lässt, das verträumte „Det Lilla“ oder das melancholische „In Memory …“.

Das Tingvall Trio hat also sein Repertoire etwas erweitert, zeigt sich stilistisch vielseitig und versucht sich durchaus erfolgreich in von ihm bislang nur selten beackerten Genres. Das macht „Dance“ für neue Fans ebenso attraktiv wie für die Tingvall Trio-Fans der „ersten Stunde“. Anspieltipp: „Arabic Slow Dance“ und „Puls“. (Photo © SKIP Records)