Projekt Beschreibung

Woche 44/2021

Accordion Affairs

Le Petit Oiseau (Herzog)

Der Name der Band spricht für sich – das Akkordeon steht im Mittelpunkt. Oder auch nicht – schließlich ist jeder der drei Musiker gleichermaßen wichtig für den jazzig-feinen Klang. Für ihr zweites Album wählten Peter Baumgärtner (Schlagzeuger), Jörg Siebenhaar (Akkordeon und Klavier) und Konstantin Wienstroer (Bass) gleichberechtigt Lieblingsstücke von Bach bis Sting aus. Klassiker des Tango von Carlos Gardel und Paolo Fresu, Pop von den Beatles, Grenzüberschreitendes von Carla Bley.

Dies ist kein „Experten-Jazz“, wie Baumgärtner betont, dies ist „World Music“ im besten Sinne, hochsensible, warme Musik, die ihre Nähe zu Pop, Klassik, Tango und Jazz nicht versteckt – aber niemals nur ein Genre bedient. Jeder der elf Songs auf „Le Petit Oiseau“ dient Accordion Affairs als Sprungbrett für ihre unaufdringlichen Improvisationen. Dabei wirkt kein Solo je erzwungen, alles fließt mühelos ineinander und dient stets dem Song.

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man Accordion Affairs für ein Quartett halten. Der frühzeitig erblindete Jörg Siebenhaar spielt mit der rechten Hand Akkordeon – und mit links gleichzeitig Klavier. Der studierte Akkordeonist, zeigt im Schlusstitel eine wunderbar lyrische, auf die Essenz reduzierte Improvisation über Bachs Präludium in E-Moll.

Die drei Musiker von Accordion Affairs können alles spielen – hören immer aber auf ihr Gefühl. Das sagte ihnen beispielsweise, dass es bei der Paul McCartney-Ballade „Here, There and Everywhere“ eine gute Idee sein könnte, wenn der Bass die Stimme des Beatles-Sängers übernimmt. Und wer Wienstroers lässiges Spiel hört, weiß: es ist genau richtig so. Carla Bleys melancholisches „Lawns“ ist in Moll gehalten, dennoch strahlt hier Lebensfreude hindurch – und große Zärtlichkeit. Stings leichtfüßiger Pop-Song „Straight To My Heart“ bekommt eine vage afrikanisch anmutende Rhythmik, Michel Petruccianis „Colors“ gar einen straighten Groove.

Accordion Affairs – ein eingespieltes Team guter Freunde, präsentiert mit „Le Petit Oiseau“ unbeschwerte und sommerliche Songs, die man am besten am offenen Fenster mit einer lauen Brise hört – jahreszeitlich bedingt auch im „Oma-Sessel“ am Kamin. Trübsal jedenfalls hat bei dieser Musik keine Chance. Anspieltipps: „Ich will meine Seele tauchen“ und „Mare Nostrum“. (Photo © Herzog Records)