Project Description

Photo © chateau du pop

Woche 33/2019

Céline Rudolph

Pearls (Obsessiom / Membran)

Schon das Wort führt Regie für Gedankenfilme. Je nach Erfahrung werden diese zum Drama, zur Komödie oder der Dokumentation einer leidenschaftlichen Affäre. Die eine denkt bei Perlen an Schmuckstücke, eine andere an Tauchgänge vielleicht, ein dritter, womöglich Biologe, an die Abfallprodukte entzündeter Muscheln.

Dass Céline Rudolph, laut dem französischen Radiosender TSF, selbst „ein Juwel des europäischen Jazzgesangs“, eher an die poetischen und philosophischen Aspekte der „Pearls“ denkt, wird gleich im Titelsong ihres neuen, ihres achten Albums klar. Sanft und sinnlich singt sie von den Perlen, die ihren Geist bevölkern, nennt sie Souvenirs, die sie sorgsam bewahrt – in feinsinnig verwobenen Harmonien, starken Strophen oder aufregenden Improvisationen. Der instrumentale Sound dazu ist geprägt von perlenden Wurlitzer-Klängen und dem warmen Fender Rhodes, vom energetischen Schlagzeug und erdigen Basslinien, von der akustischen Gitarre, die Céline schon seit ihrer Kindheit begleitet.

Nach Brooklyn hat es die Perlenfischerin aus Berlin dafür gezogen, zum Drummer und Produzenten Jamire Williams, in dessen musikalischer Vita sich etwa Herbie Hancock, Solange Knowles, John Mayer oder Robert Glasper finden. Die daraus resultierenden „Pearls“ ergeben ein komplexes und wunderschönes Album, irgendwo zwischen diesen musikalischen Polen, dabei immer eigen und faszinierend. „Wenn ich Musik mache, bin ich ganz da, hier und jetzt“, sagt Céline Rudolph. „Es steckt in jedem Ton mein ganzes Leben. Also feiere ich das Dasein, und gleichzeitig wird man hören, wie das Dasein schmerzt.“

Sie lebt im Moment und erlebt ihn gleichzeitig als Musik. Wie im November 2012, als sie den New Yorker Schlagzeuger Jamire Williams in einem Berliner Club mit Gretchen Parlato erlebt. „Während sie unbewegt im Auge des Orkans steht, geht von Jamire alle Energie aus“, erinnert sich Céline Rudolph. Neugierig sucht die Sängerin nach mehr Musik von Jamire und hört bald wie besessen seine Band Erimaj. Als die wenig später auf Tour ist, spricht Céline Rudoph ihn an, spielt ihm ihre neuen Songs vor.

Die Begeisterung beruht auf Gegenseitigkeit – Jamire will unbedingt mit ihr arbeiten und schon einen Monat später vereinbaren sie die Studiosession im Brooklyn Recording Studio, das vor Tasteninstrumenten wie Wurlitzer, Fender Rhodes, Ace-Tone Orgel, Moog nur so überquillt.

Mit von der Partie sind der argentinische Pianist und Keyboarder Leo Genovese aus der Esperanza Spalding Band, dazu Bassist Burniss Traviss, bekannt von Zusammenarbeiten mit Rapper Common oder Pianist Jacky Terrasson, Marsalis-Schüler John Ellis am Saxofon und Rudolphs langjähriger musikalischer Begleiter Lionel Loueke, mit dem sie auch ihr letztes Album „Obsession“ eingespielt hat, an Gitarre und Vocals.

Schon während der Proben nahe dem Times Square in Manhattan ist die Begeisterung der Musiker spürbar. Komplexe Sheets werden in lebendige Musik verwandelt. „Es war verrückt, aber auf die bestmögliche Art und Weise“, meint Jamire Williams. Neben den Songs spielen sie auch Jams, einfach drauflos. „Die Stimmung im Studio ist intensiv, wir inspirieren uns gegenseitig und spielen mit großem Respekt und Hingabe“ so Céline Rudolph rückblickend.

Und so entstehen, wie im Flug, elf Songs und einige improvisierte Tracks für das nun vorliegende Album. Es sind Perlen, die den Film im Kopf weiterdrehen, mal poetisch, mal dramatisch, immer leidenschaftlich und außergewöhnlich. Anspieltipps: „C’est Un Love Song“ und „Dim Lights“. (Photo © chateau du pop)