Project Description

Woche 46/2018

Clara Haberkamp

Neon Hill (Traumton)

Eine Stimme, ein Klavier und eine Reihe von Liedern. Das klingt nach wenig, aber bei Clara Haberkamp ist es ungeheuer viel. Die in Berlin lebende Pianistin machte in den letzten Jahren vor allem durch ihr Trio mit Drummer Tilo Weber und wechselnden Bassisten von sich reden.

Dass sie auch gut und gern singt, hat sie nie verhehlt. Auf „Neon Hill“ steht erstmals weniger die Jazzpianistin im Mittelpunkt als die Sängerin und Songwriterin Clara Haberkamp. Ihre Lieder sind auf geradezu magische Weise eingängig und zugleich komplex. Man kann sie ganz sicher nicht beim ersten, wahrscheinlich auch noch nicht beim zweiten und dritten Mal mitsingen, aber bereits beim allerersten Kontakt mit der Hörmembran entfalten sie ihr akustisches und spirituelles Bukett, das danach verlangt, wieder und wieder gehört zu werden.

Schon auf ihren früheren Alben hat Clara Haberkamp eine sehr individuelle Handschrift verraten. So verbieten sich auch auf „Neon Hill“ stilistische Vergleiche jedweder Art. Wahlverwandtschaften gibt es dennoch, doch die haben eher etwas mit der Ernsthaftigkeit im Zugang zum eigenen Material zu tun als mit musikalischen Übereinstimmungen. Zu diesen Wahlverwandten gehören Künstlerpersönlichkeiten wie Randy Newman, Joanna Newsom oder die in Seattle lebende Komponistin, Poetin und Sängerin Robin Holcomb. Aber die junge Berlinerin ahmt nicht nach, sie bleibt ganz bei und schöpft allein aus sich selbst.

Wie die Songs der drei Genannten entziehen sich Clara Haberkamps Lieder allen herkömmlichen Schubladen. „Neon Hill“ ist ein Zyklus zeitgenössischer Kunstlieder, die von ihrer Schöpferin dennoch dem Leben abgelauscht sind und gerade deshalb auch mit voller Wollust ins Leben zurückwollen.

Die Lieder von Clara Haberkamp beschreiben eine ganz eigene Welt. Das zentrale Thema des Albums sind Variationen über das Suchen und Finden. Dabei geht es der Songpoetin in keiner Weise um das Abarbeiten persönlicher Erfahrungen, als vielmehr um eine ganze Reihe spektraler Einfallswinkel, von denen aus sie das Thema betrachtet. Die flexiblen Maßeinheiten von Nähe und Distanz werden in jedem Lied neu justiert. „Diese Lieder“, verrät Clara Haberkamp, „sind eine Art Tagebucheinträge, die aber nicht nur privat sind. Es geht ganz allgemein um das Zu-Sich-Finden. Meine Interpretation ist zwar wichtig, aber im Mittelpunkt der CD stehen die Songs selbst.“

Die Reihenfolge der Songs beschreibt einen Prozess, der beim Hörer unzählige Assoziationsmöglichkeiten zulässt. Das Ziel dieser Reise ist jedoch ganz klar vorgegeben. Im letzten Song, einer freundlichen Übernahme von Van Morrisons „Someone Like You“, geht es nur noch ums Finden. Clara Haberkamp hat dieses wunderschöne Liebeslied ohne Zwischentöne ganz bewusst an das Ende ihres Liederzyklus’ gestellt. „Man hört ja oft, Liebeslieder wären der Schnee von gestern, aber die Liebe ist doch das Einzige, wofür es in dieser Welt lohnt, zu leben und zu kämpfen. Ich finde, es kann nie genug Liebeslieder geben.“

Wir haben gelernt, für unsere Emotionen Worte und Töne zu finden. Clara Haberkamp geht den umgekehrten Weg. Sie führt Wort und Klang wieder zu jenem Urzustand zurück, in dem das reine Gefühl verborgen ist. Anspieltipps: „Pink Overture“ und „Neon Hill“.