Projekt Beschreibung

Woche 06/2021

Cristina Branco

Eva (O-Tone)

Die Welt der portugiesischen Fadista Cristina Branco schien rosarot; sie nahm Alben über Alben für das Major-Label Universal auf, die weltmusikalisch interessierte Gemeinde lag ihr zu Füßen – eine schillernde Figur mit glockenheller Stimme, die alle Erwartungen erfüllte.

Aber in ihr schlummerte mehr als Fadoromantik, Konzertroben und ein Diven-Image. 2006 war das Geburtsjahr ihres Alter Ego „Eva“, die das Licht der Welt erblickte, weil Cristina Branco sich mit der Frage aller Fragen herumplagte. „Was ist Freiheit?“

Alle Wünsche, Gedanken, Träume wurden in EVA projiziert und die Projektion half der Künstlerin, sich vom Perfektionismus der Musikindustrie loszulösen und ihren eigenen Weg zu gehen. Mit den ersten beiden bei O-Tone erschienenen Alben „Menina“ und „Branco“ verabschiedete sie sich ab 2016 nach langem Ringen vom Major Label, den musikalischen Erwartungen mitteleuropäischer Portugalliebhaber.

Sie ließ sich alle Songs auf den als Trilogie geplanten Alben von lusophonen Künstlern schreiben und komponieren. Indie-, Pop-, Punk-, Rap-, Jazzmusiker, ein Literatur Nobelpreisträger, Stars und Sternchen: Allein die Bandbreite der Menschen, die sie mit ins Boot gezogen hat, zeugt von immensem Mut zum Loslassen.

Zusammen gehalten wird das Potpourri von ihr und ihrem Trio, bestehend aus portugiesischer Gitarre, Piano und Kontrabass, das sie seitdem begleitet. Cristina Branco (voc), Bernardo Couto (g), Luís Figueiredo (p, keys) und Bernardo Moreira (b) sind auf dem gemeinsamen Weg eng zusammengewachsen: Ähnlich wie EVA bekamen die Musiker an Brancos Seite mehr Spielraum.

Figueiredo zeichnet verantwortlich für gleich mehrere ihrer gemeinsamen Lieder, alle Songs werden im Proberaum gemeinsam arrangiert. Elektronische und perkussive Elemente, polyphone Backgroundgesänge, der Spaß an Improvisation der Jazzmusiker gewannen an Raum und machten die Musik einzigartiger, während die Kunstfigur Cristina Branco in den Hintergrund geriet.

Eva eroberte sich ihren Raum – dabei gewann die Protagonistin mehr und mehr an Integrität. Die Songs auf dem gleichnamigen Album, das die Trilogie beschließt, beschäftigen sich folglich mit den Themen: Wer bin ich, Wer will ich sein. Wie kann ich frei sein.

Eva wird zum Leben erweckt, Erwartungen werden abgestreift. Das Innere wird nach außen gekehrt, dabei wird Verletzlichkeit zugelassen – Integrität schmerzt manchmal. Aber sie ist in erster Linie befreiend und all das hört man Cristina Branco, alias Eva an. Anspieltipps: „Maria“ und „A Doutora“. (Photo © O-Tone)