Woche 50/2021

Daniel Kahn

Word Beggar (Oriente Musik)

Troubadour, Songwriter, Dichter und Multi-instrumentalist Daniel Kahn, geboren in Detroit, studierte Theater und Lyrik an der University of Michigan, lebte in New Orleans und New York. 2005 zog er nach Berlin und gründete seine Kult-Klezmer Band The Painted Bird, mit der er fünf Alben produzierte, die zahlreiche Auszeichnungen wie den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik erhielten.

Auch wenn Daniel Kahn schon viele Alben seinem eigenen Namen oder mit der Band The Painted Bird veröffentlicht hat – „Word Beggar“ ist das erste Album, das er komplett allein eingespielt hat. Musikalisch bewegt es sich zwischen Folk, Jazz und Klezmer, präsentiert Adaptionen und Vertonungen von Liedern und Texten von Georges Brassens, Kadye Molodovsky, Mordechai Gebirtig, Kurt Tucholsky, Beyle Schaechter-Gottesman und Aaron Zeitlin, die Kahn über die Jahre entwickelt hat. Darunter sind auch seine jiddischen Versionen von Bob Dylan-Songs und Leonard Cohens „Hallelujah”.

Daniel Kahn hatte ursprünglich nicht vor, das Album solo aufzunehmen. Dann aber lernte er Michael Fetscher kennen, den Betreiber des mitten auf der Schwäbischen Alb gelegenen White Fir Studios. Als er das Studio sah, beschloss er, das gesamte Album in anderthalb Tagen live im Studio auf 16-Spur-Band einzuspielen, rein analog und ohne digitale Effekte. „Das war auch für mich als Performer eine Herausforderung“, so Kahn, „denn man kann nicht ohne Ende Takes machen“. Fünf Stücke entstanden an der Gitarre und weitere sechs an einem Flügel. Die einzigen, später hinzugefügten analogen Overdubs waren Einspielungen von Kahn am Akkordeon.

Die Bänder überzeugten mit ihrer Intimität und Nähe, sowie dem organischen und warmen Klang der Aufnahmen. Daher, so Kahn, „hatte ich nicht das Gefühl, dass ich viele andere Instrumente hinzufügen musste. Für mich ging es vor allem um die Lieder, die Übersetzungen, die Kompositionen, die Texte, den Inhalt“. So reifte der Entschluss, ein Soloalbum zu veröffentlichen.

Das Album bietet thematisch gesehen sehr persönlich gehaltene „Ich“-Lieder, auch wenn die Ursprungstexte nicht von Kahn selbst stammen, sowie „Wir“-Lieder über große soziale, historische und politische Themen, die aber zu einem zurückkommen, denn „Das Persönliche ist politisch, subjektiv und emotional“, wie er betont. Viele Stücke verbindet das Motiv der Ausgrenzung, der Grenzüberschreitung und der Grenzenlosigkeit, ob wortwörtlich, oder im übertragenen Sinne auch zwischen den Sprachen.

Weitere Themen sind das Älterwerden, Erlösung und Gerechtigkeit und immer wieder die Suche nach der oder den Heimat/en, die Heimatlosigkeit und Entwurzelung. „Alle Lieder, die diese Suche thematisieren, diese Sehnsucht enthalten, sprechen mich persönlich tief an. Wenn Heimat ein Gefühl ist, dann ist es ein kompliziertes und paradoxes Gefühl. Es ist nicht immer schön, es ist nicht immer schmerzlos oder nostalgisch“, so Kahn. Anspieltipps: „Lid fun Letstn Internatsiyonal“ und „Lid dem Poyer“ (Photo © ub-comm).