Projekt Beschreibung

Woche 38/2021

Erkin Cavus & Reentko Dirks

Istanbul 1900 (Traumton Records)

Istanbul kann man als einen von Mythen und Traditionen umrankten Sehnsuchtsort oder als pulsierende Metropole erleben. Der Gitarrist Erkin Cavus verbrachte viele Jahre seines Lebens in der riesigen, hochverdichteten und oft hektischen Stadt. Hier hat er Karriere gemacht, an der Seite berühmter Künstler gespielt, ehe er vor rund vier Jahren nach Deutschland zog.

Nun setzt Cavus, zusammen mit dem Gitarristen Reentko Dirks, dem historischen Istanbul mit dem Album „Istanbul 1900“ (VÖ 24.9.2021) ein klingendes Denkmal, inspiriert von Bildern des berühmten Fotografen Ara Güler (1928-2018), der als einfühlsamer und detailverliebter Beobachter zum Chronisten des Lebens seiner Heimatstadt wurde. Seine Aufnahmen des mittlerweile verblassten, teils unwiederbringlich zerstörten Istanbul und der ehedem höchst unterschiedlichen Stadtteile hängen längst in Museen. „Was ihm bildlich gelungen ist, möchten wir musikalisch umsetzen: eine Welt einzufangen und zu bewahren, die es nicht mehr gibt, deren Echos aber noch spürbar sind“, erklärt Reentko Dirks.

Heraus gekommen sind suggestive Momentaufnahmen, feingliedrig und nuanciert gespielt. Das Duo konzentriert sich bewusst auf meist ruhige Töne, assoziativ zum damals noch vergleichsweise langsamen Leben. Die leise Klangsprache versteht sich auch als Statement zur Gegenwart, setzt sich ab vom heute allgegenwärtigen Getöse. So schwingt in der Musik auch eine politische Haltung mit, die im Booklet ihre Fortsetzung findet: Istanbul 1900 ist 150.000 traditionellen Händlern, Künstlern und Arbeitern gewidmet, die 2020 ihre Arbeit verloren haben.

Cover und Booklet des Albums zeigen Fotos von Ara Güler, darüber hinaus geben kurze Anmerkungen zu den einzelnen Stücken Fingerzeige auf die darin anklingenden Orte und Szenen. Auffallend ist, dass die beiden Gitarristen typische Stilmittel des Orients allenfalls anklingen lassen, aber nicht ins Zentrum stellen. Noch weniger trumpfen sie mit rasanter Technik auf.

Zwar basieren viele Titel auf ungeraden Takten, doch machen sich die komplexen Metren im sanften Fluss der Musik kaum bemerkbar, zumindest nicht beim ersten Hören. Gleiches gilt für Vierteltöne. Erkin Cavus ist bekannt für seine Virtuosität auf einem bundlosen Gitarrenhals, der ihm das Spiel von Mikrotönen erlaubt. Natürlich gibt es solche Vierteltöne auf „Istanbul 1900“, sie allein wirken aber noch nicht stilbildend. Der Gestaltungswille des Duos reicht weiter und reflektiert die unterschiedlichen persönlichen Hintergründe der beiden Musiker.

Bei der Entwicklung des Repertoires für das Album hat sich das Duo bewusst Zeit genommen. Der stärkste kompositorische „Flow“ entwickelte sich in den Wochen vor dem Studiotermin. Die individuelle Form der Stücke, die absichtsvoll konkrete Jazz- wie traditionelle Bezüge vermeidet, „hat sich ungeplant entwickelt“, so Dirks und Cavus sekundiert: „Eine direkte Anlehnung an Maqam-Ästhetik hätte vorausgesetzt, dass wir beide vierteltönig spielen. Mit der Integration von harmonischen Aspekten geht es dagegen direkt und unweigerlich nach Westen.“

Letztlich hat auch der Aufnahmeort seine Spuren hinterlassen. „Das Waldhaus-Studio liegt tatsächlich mitten in der Natur und ist eine wundervolle Insel. Wir konnten uns dort, abseits von Autoverkehr und Internet, schnell in die alte Zeit vertiefen und uns völlig fokussieren. Wahrscheinlich hat diese Stimmung das Album noch etwas impressionistischer werden lassen“, konstatiert Reentko Dirks. Das mag auch die Transparenz der Einspielungen erklären, die nachträgliche Edits überflüssig machte. Dafür genügten zwei Aufnahmetage und ein bis drei Takes pro Stück.

Das Album „Istanbul 1900“ ist eine atmosphärische Hommage, die mitunter nachdenklich klingt, dann wieder zarte Leichtigkeit suggeriert. Angesichts des Themas Vergänglichkeit und des Umstands, dass Erkin Cavus seiner Heimatstadt nicht ganz freiwillig Adieu sagen musste, ist ein Hauch Melancholie sicher keine Überraschung. Insgesamt entwickelt das Album einen sehr eigenen, subtilen Zauber. Ganz wie die Stadt, die an der Schnittstelle von Orient und Okzident Welten verbindet. Anspieltipps: „Maksim“ und „Ara“. (Photo © Traumton/ub-comm)