Projekt Beschreibung

Woche 51/2020

George Leitenberger

Blackbox (Silberblick Musik)

Das mittlerweile in der Nähe von Genf lebende künstlerische Multitalent George Leitenberger ist geboren und aufgewachsen im württembergischen Städtchen Schorndorf. Über seine sehr viel ältere Schwester entdeckt er irgendwann die Alben „Bringing It All Back Hom“ (Dylan) und „Beggars Banquet“ (Stones), die sein Leben für immer verändern sollten.

In den 1970er Jahren spielt er erste Gitarrenakkorde, die in Auftritten als Coverband in der Schule und bei Partys sowie ersten Aufnahmen mit eigenen Songs münden. Zugleich wird sein Musikgeschmack vom Programm des legendären Schorndorfer Musikclubs Manufaktur geprägt.

Stationen in Nürnberg, Berlin, als Regiehospitant in Dortmund und kleine Film- und Theaterrollen folgen, immer begleitet von Reisen in die ganze Welt. In den 1990er Jahren lebt er während mehrerer Schreib- und Kompositionsphasen in Paris und London – auch als Photograph – macht sich einen Namen als Filmkomponist für Filme mit Claudia Michelsen, Ellen ten Damme, Andreas Schmidt, Christian Petzold und anderen.

1996 folgt das erste Soloalbum „News From Nowhere“, danach „Land der Dichter“ und aus privaten Gründen ein Umzug nach London, wo er viele Konzerte spielt und seine Photographien, davon einige als Auftragsarbeiten der Royal Festival Hall und von Musikmagazinen, ausstellt.

Die Produktion von „Blackbox – Songs über Verrat und Vergebung, Hoffnung und Corona“ (VÖ 11.12.2020) beginnt mit einem „eigentlich“. Ursprünglich wollte der kosmopolitische, Singer-Songwriter andere Themen auf seinem siebten Album präsentieren, „mehr gesungene Roadmovies oder persönliche Expeditionsberichte über den Zustand des Zusammenlebens, den man Gesellschaft nennt“.

Aber dann erschütterten ihn private Katastrophen und Corona bis ins Mark, und er musste sich damit auseinandersetzen, ob er denn wollte oder nicht. So führt das Album den Hörer wie in einer Rückschau mit einem Flugschreiber, einer „Blackbox“ durch den Spiegel von Niedertracht, Trennung und Trauer, durch Entsetzen, Enttäuschung und Sprachlosigkeit hin zu leiser Hoffnung und lebensbejahender Melancholie.

Eingespielt wurden fast alle Songs im Januar 2020 im Genfer Smokey Joe’s Studio/Usine Kugler, zwei folgten im März im Silberblick Studio in Berlin nach, dann kam der große Stillstand und erst einmal ging nichts mehr. In „einer Art Arrest“ schrieb Leitenberger neue Stücke über die Situation, „die dann auch auf das Album wollten“.

So wurde der Arbeitstitel „Blackbox – Songs von Verrat und Vergebung – und Hoffnung” erweitert um „Corona” und weitere Stücke entstanden im hauseigenen Atelier in Genf. Fünf der siebzehn Stücke, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind, handeln von Verrat, der Möglichkeit von Vergebung und wie man mit ihnen umgehen kann.

Musikalisch steht auch „Blackbox“ für den typischen George-Leitenberger-Sound, handgemachte, auf Vintage-Instrumenten gespielte Stücke, oft in open-tunings und bewusst reduziert instrumentiert, um den Songs ihren akustischen Singer/Songwriter-Kern zu lassen.

Das erste der „Corona“-Lieder, ein Stück namens „Zeitenwende“, entstand im Lockdown in Genf in genau der Form, wie es auf dem Album enthalten ist, ohne Zuspielungen oder Veränderungen. Es war ein Versuch, die „surreal reale Atmosphäre in Worte zu fassen, dieser Ohnmacht auf meine Weise und mit meinen Mitteln etwas entgegenzusetzen“ so Leitenberger.

Unter den anderen Songs ragt eine Hommage an den 2017 verstorbenen Schauspieler Andreas Schmidt heraus. Die beiden lernten sich 1985 am Stadttheater in Dortmund kennen. George spielte ihm „Wild Horses“ vor und Schmidt überzeugte ihn davon, dass er bei der Musik bleiben sollte.

Später wohnten und arbeiteten sie in der Solmsstraße in Kreuzberg. Wer Andreas Schmidt kannte, der weiß, dass dieser Song „Birdy” alles, nur keine traurige Ballade werden durfte; und so ist das Midtempo-Stück mit fluffigen Jazzakkorden ausgestattet und erzählt davon, wie die beiden Alan Parkers gleichnamigen Film im Yorck Kino sahen.

Der Bogen zum ursprünglichen Plan eines Albums mit „Reiseliedern“ wird mit dem an J.J. Cale erinnernden Stück „Unterwegs #2“ dann doch noch gespannt, aber auf seine eigene Art, denn „die innere Reise ist die entscheidende, nicht die äußere“.

Das Album schließt mit der „MS Esperanza“, einem nach dem Tod von Leitenbergers Schwester entstandenen Song, der mit seiner lebensbejahenden Melancholie ein Appell ist, sich statt zynisch zu werden mit den Dingen abzufinden, die man nicht mehr ändern kann.

Neben den wunderbaren Texten und der perfekten musikalischen Umsetzung überzeugt „Blackbox“ auch durch den mitunter fast schon hypnotischen Gesang Leitenbergers mit einer Stimme, die vom ersten bis zum letzten Ton fasziniert. Anspieltipps: „Skydevil“ und „Schwarze Schwäne“. (Photo © ub-comm/Silberblick)