Projekt Beschreibung

Woche 14/2020

Gismo Graf Trio

A Trio’s Decade (GLM)

Mit sechs erlernte er das Gitarrenspiel, unter Anleitung seines Vaters Joschi, selbst ein exzellenter, renommierter Gypsy-Gitarrist und Mitbegründer des Zigeli Winter Quintetts. Mit zwölf hatte Gismo Graf dann die ersten öffentlichen Auftritte in der Band seines Vaters, mit 16 kam die erste eigene Band „16 Gypsy Strings“.

Schon mit der machte sich Gismo einen Namen als zukünftiger Star-Gitarrist des Gypsy Swing, als einer, der den Gypsy Jazz in ein neues Gewand kleiden und so in die heutige Zeit transportieren kann – nur folgerichtig also, dass dieser Name dann im Bandnamen des aktuellen vor 10 Jahren gegründeten Trios stehen durfte.

Dieses Bandjubiläum ist der perfekte Anlass, diese Zeit Revue passieren zu lassen, in der sich das Gismo Graf Trio einen festen Platz in der Gypsy-Jazz-Szene und Graf selbst einen Spitzenrang unter den Sinti-Gitarristen in der Tradition Django Reinhardts erspielt hat.

Mit dem Album „A Trio’s Decade“ – bereits das fünfte der Band – wird dieses Jubiläum nicht nur gefeiert, es präsentiert auch den eigenen, modernen Stil, den Graf in dieser Zeit entwickelt hat, und wirft ein Schlaglicht auf das, was noch alles kommen könnte. Natürlich kommt Gismo Graf nicht ganz am von allen Gypsy-Musikern als Stammvater und Begründer der europäischen Jazztradition verehrten Django vorbei

Zwei Reinhardt-Stücke finden sich auch auf „A Trio’s Decade“: das entspannte „Mabel“, bei dem Graf allerdings auch die Bläserstimmen des Originals mit übernimmt, und eine hier deutlich beschleunigte und dynamisierte, die stupende Virtuosität Grafs endgültig bestätigende Version von „You Rascal You“.

Beim Stichwort Virtuosität kommen automatisch Gismos Begleiter ins Spiel. An der unbestechlich die Pace vorgebenden Rhythmus-Gitarre glänzt wie eh und je sein Vater Joschi; gemeinsam hat man das Album auch wieder produziert. Und am Kontrabass steht mit dem 37-jährigen Deutsch-Schweizer Joel Locher ein sowohl klassisch – als Solokontrabassist im Stuttgarter Jugendkammerorchester – wie im Jazz ausgebildeter Ausnahmekönner.

Ein idealer Partner also für Gismo Graf, reicht doch auch dessen musikalischer Horizont sehr weit, wie schon seine Auswahl der „Cover-Songs“ für „A Trio’s Decade“ beweist. Wenn man sie denn so nennen will, klingt doch schon Chopins „Fantaisie Impromptu op.66“ bei Graf, als wäre es immer schon ein Gypsy-Swing-Stück gewesen, egal ob er bei seiner Interpretation atemberaubendes Uptempo oder, nach einem Stopp, lässig-entspannten Balladenton vorführt.

Umso überraschender ist dann Michael Jacksons „Liberian Girl“ als coole, stark an George Benson erinnernde Groove-Nummer – für solche mitreißenden Eskapaden tauscht Graf seine vom italienischen Gitarrenbauer Mauro Fresci für den Django-Sound maßgeschneiderte akustische gegen eine semi-akustische Archtop-Signature-Gitarre von Rèmi Petiteau. George Gershwins „A Foggy Day In London Town“ schließlich bekommt nicht nur einen fantastischen Gitarren-Swing verpasst, Graf singt diesen Song auch selbst in mitreißender Crooner-Manier.

Apropos Gesang: Gismos drei Jahre jüngere Schwester Cheyenne begleitet das Trio wieder einmal auf drei Songs und sorgt mit ihrer einprägsamen Stimme für eine weitere Farbe auf dem so bunten Album. Wie sehr auch sie sich entwickelt hat, zeigt schon ihre rau-zerbrechliche Interpretation von Richard Rogers All-Time-Standard „My Funny Valentine“, spätestens aber die eigenwillige, von vibrierendem Sprechgesang bis zu hellen Spitzen ausbrechende Version von Amy Winehouse’ „You Sent Me Flying“.

Einerseits wünscht man sich als Hörer, das Album möge „ohne Ende“ weitergehen; andererseits darf man sich zum Glück doch relativ sicher sein, dass das Trio noch lange nicht Schluss macht und der ersten Dekade weitere aufregende und ergiebige folgen lässt. Mit seinem durch Jazz-, Folk- und Pop-Elemente verjüngten Gypsy Swing. Anspieltipps: „Liberian Girl“ und „You Sent Me Flying“. (Photo © Tom Maurer/GLM)