Project Description

Goetz Steeger - Am Ende der Parade - Foto: © ub-comm.de

Woche 20/2019

Goetz Steeger

Am Ende der Parade (Plattenbau)

Der aus Wien stammende und seit den 80ern in Hamburg lebende Goetz Steeger startete seine Musikerkarriere als (studierter) Schlagzeuger in Formationen wie Goetzen oder Anyones Daughter. Danach gründete er Ende der 90er die Gruppe Rotes Haus, mit der er zwei Alben einspielte und rief eine Dekade später die Formation User ins Leben. Zudem ist er als Filmkomponist, Rundfunkautor und Moderator (NDR / Popkocher) tätig, produzierte diverse Alben für Franz Josef und Kai Degenhardt und veröffentlichte darüber hinaus die beiden hochgelobten Soloalben „User“ (2011) und „Nutzlose Zeugen“ (2015).

Jetzt legt der vielseitige Multiinstrumentalist (Gitarre, Bass, Keyboards, Electronics) mit „Am Ende der Parade“ sein neues Studioalbum vor. Seine Texte handeln von den Traumata der Gegenwart: Migration und Rassismus, soziale Fallhöhe im späten Neoliberalismus, der rechte Aufmarsch… abgebildet in alltäglichen Beobachtungen und aus verschiedenen Perspektiven. All das fügt sich auf dem Album zu einer Erzählung der Jetztzeit zusammen.

Alles andere als Nebensache ist dabei die Musik, Goetz Steeger (Musiker durch und durch, siehe oben) genießt mit offenbar purer Lust am Spiel den stilistischen Bruch und die scharfen Kontraste: Begleitet von einem vielköpfigen Ensemble an Cello, Oud, Saxophon, Trompete, Posaune, Kontrabass und Schlagzeug, kleidet er seine Alltagsbeobachtungen in einen raffiniert arrangierten Mix aus (Indie-) Rock, Folk, Jazz und World: der melodiös getragene Cellopart während des Straßenbrandes in „Nach Vorne“, der destruktive Gitarrenkrach vorm Tresen des Jobcenters in „Rolex und die Zeit“, die stoische Ruhe eines Kontrabasses, als das Navi im Auto plötzlich Befehle austeilt in „Maurice“.

Goetz Steeger und seinen Musikern/innen gelingt es auf exzellente Weise Texte und Musik zu einer Einheit zu verschmelzen; “Am Ende der Parade“ ist ein Album, das mit genau dieser Verbindung mehr an Kurt Weill (mit „moderner“ Instrumentierung) als an die „klassischen“ Liedermacher erinnert, ein Album, das jenseits aller Betroffenheitslyrik die Dinge beim Namen nennt, sich aber keineswegs in Hoffnungslosigkeit verliert. Ein Hauch von Optimismus ist durchaus hörbar, wenn auch eher zwischen den Zeilen. Anspieltipps: „Der Wahn von alten Männern“ und „Rolex und die Zeit“. (Photo © ub-comm.de)