Projekt Beschreibung

Hubert von Goisern / Zeiten & Zeichen - Foto: © BlankoMusik

Woche 35/2020

Hubert von Goisern

Zeiten & Zeichen (Capriola / BlankoMusik)

Lang ist’s her – das letzte Konzert von Hubert von Goisern ging am 26. Oktober 2016 in München im Circus Krone über die Bühne. Danach hat er sich zurückgezogen, um zu schreiben. Herausgekommen ist der Roman „flüchtig“, Ende Mai 2020 veröffentlicht unter HvG‘s Geburtsnamen Hubert Achleitner. Seit der Fertigstellung arbeitete Hubert von Goisern wieder an neuer Musik. Das Album „Zeiten & Zeichen“ wird am 28. August erscheinen.

Das Werk lässt den Rezensenten (zugegebenermaßen) beim ersten Querhören ein wenig ratlos zurück und bleibt zunächst auf dem Stapel „zur Wiedervorlage“ eher unbeachtet liegen, ehe es dann doch den Weg in den CD-Player findet; dann Kopfhörer auf und sich vorgenommen, die etwas mehr als 60 Minuten konzentriert zuzuhören. Klingt nach „Arbeit“, ist aber von den ersten Tönen an fesselnde „Kost“, musikalisch sowieso, vor allem aber textlich – der politischste Hubert von Goisern seit seinem fulminanten Start 1988 mit dem legendären „Hiatamadl“.

Schon der Opener „Freunde… (das Leben ist lebenswert)“, angelehnt an den gleichnamigen „Schlager“ aus der Franz Lehar-Operette „Giuditta“, von Hubert von Goisern zunächst als Mut machender Titel und Gegengewicht zu all der Jammerei über die ach so schweren Lebensumstände gedacht, lässt mehr als aufhorchen. Das auch deshalb, weil der Song sich im Schaffensprozess in seiner Aussage gravierend verändert hat.

Kurz gesagt: HvG zeigt mit großartigen musikalischen Wendungen und einem unter die Haut gehenden Text die Geschichte von Fritz Löhner-Beda auf, aus dessen Feder u.a. der Text für „Freunde… stammt); ein enger Freund von Franz Lehar, der allerdings den von den Nationalsozialisten seiner jüdischen Herkunft wegen verfolgten Freund schmählich im Stich ließ. Fritz Löhner-Beda wurde am 13. März 1938 verhaftet, dann zunächst nach Dachau, später Buchenwald und im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er am 4. Dezember erschlagen wurde. Eine Geschichte, die Hubert von Goisern kongenial im ersten Song seines neuen Albums umgesetzt hat.

Das Album enthält eine ganze Reihe von Songs, die mitunter ein wenig frösteln lassen, wie etwa die hypnotisch daherkommende Endzeithymne „Sünder“ oder der an Rammstein-Rhythmik erinnernde Song „Brauner Reiter“. Bevor nun der Hörer (jedweden Geschlechts) in der Vermutung, das Songmaterial auf „Zeiten & Zeichen“ wäre dann doch zu schwere Kost, sich nicht an das Album heranwagt – Hubert von Goisern schafft es mit einer Reihe von Drehungen und Wendungen (er „räubert“ da ganz schön in den unterschiedlichsten Musikgenres) auch den „härtesten“ Texten/Songs noch so etwas wie Hoffnungsschimmer beizumischen.

„Zeiten & Zeichen“ ist also ein Album, das in Teilen ganz sicher keine wirklich leichte Kost ist, das aber, lässt man sich auf das Werk ein, einige Facetten von Leben abbildet – die dunklen ebenso wie die fröhlich dem Leben zugewandten – und das nicht schwarz-weiß, vielmehr in allen erdenklichen Graustufen und vor allem auch in bunter musikalischer Vielfalt. Kurzum: Hubert von Goisern ist mit „Zeiten & Zeichen“ ein großartiges Album, durchaus ein Meisterwerk gelungen. Anspieltipps: Das komplette Album am Stück oder alternativ „Freunde… (das Leben ist lebenswert)“ oder „Dunkelblau (Königin der Nacht)“.

Photo © BlankoMusik