Project Description

JacobKarlzon - OpenWater - Foto: Phpto © q-rious

Woche 35/2019

Jacob Karlzon

Open Waters (Warner Music)

KW 35 – Jacob Karlzon / Open Waters (Warner Music)

Die Fingerspitzen legen sich sanft auf die Tasten. Vorsichtig sind die ersten Anschläge und langsam schält sich wie ein sanfter Wellenschlag eine Melodie heraus. Die Drums knistern leise im Hintergrund, als liefe man über einen Strand, der Küste entgegen hin zu „Open Waters“, deren Namen dieses Lied von Jacob Karlzon trägt.

Es ist schwer, diesem Sog zu widerstehen, der einen mit jedem Tastenschlag näher ans Meer zieht. Ein Meer, das man nun zu sehen, zu riechen, zu hören, glaubt. Ein Meer, das einen plötzlich packt und ins Wasser zieht, tiefer hinein, bis man nichts mehr sieht als „Open Waters“, kein Land in der Ferne, auf das man zuschwimmen könnte. Ausgeliefert einer Urgewalt, die faszinierend und gefährlich zu gleich sein kann.

Dem schwedischen Jazzpianisten und Komponisten Jacob Karlzon gefallen Interpretationen wie diese. Er liefere Musik für den Film im eigenen Kopfkino, sagte er mal in einem Interview. Und mit Blick auf sein neuestes Album, das im Januar dieses Jahres eingespielt worden ist (VÖ 30.08.), meint er: „Es freut mich, wenn die Menschen den Titel und die Wirkung meiner Musik so interpretieren. Ich will sie tatsächlich emotional aufs offene Meer ziehen, in diese Situation bringen, in der man sich entscheiden muss, in welche Richtung man schwimmen will.“

Ähnlich sei auch das Album entstanden: Ein intuitives Musizieren, dem jedoch ein langer Gedankenprozess vorangegangen sein. Mit Morten Ramsbøl am Bass, Rasmus Kihlberg an den Drums und seinem langjährigen Produzenten Lars Nilsson hat Karlzon wieder im Nilento Studio in Göteborg aufgenommen – und die Dinge manchmal einfach passieren lassen.

Jacob Karlzon ist ein stilistisch und musikalisch weit gereister Musiker. Er hat klassische Klavierstücke gespielt, hat mit großen Namen des Jazz wie Peter Asplund, Kenny Wheeler, Billy Cobham, Bob Berg, Jeff Ballard, Norma Winstone und Tim Hagans die Bühnen geteilt, hat sich für das Album „More“ aus dem Jahr 2012 auch mal mit seiner Metal-Sozialisation befasst, hat auf seinem letzten Album „Now“ elektronische Elemente den Puls seiner Musik setzen lassen. Kein Wunder, dass er sich lieber als einen „alternativen Musiker“ bezeichnet und nicht als reinen Jazzer, was immer das auch sein mag.

So klingt etwa „Look What You Made Me Do“ vom neuem Album wie die musikalische Entsprechung dieser Entwicklung; der Song beginnt mit einem wuchtigen Schlag auf die Drums, bevor das Klavier rauhen/schönen atmosphärischen Jazz anklingen lässt und nach und nach, Seite an Seite mit dem Bass den Song immer weiter ins Unberechenbare zieht. In den letzten Minuten wird man mit einer Wucht hin- und hergeworfen, die man sonst eher in anderen Musikrichtungen findet.

Karlzon liebt diesen Überraschungsmoment, egal ob er beim Hören des kompletten Albums passiert, oder bei einem Konzert von ihm, oder aber bei einem Song, der sich auf verschlungenen Pfaden in eine Playlist gewurmt hat: „Das Beste, was dir als Künstler passieren kann, ist es, für Leute zu spielen, die deine Musik bisher noch nicht kannten, die aber bereit sind, sich darauf einzulassen.“

Hörende Menschen, die dazu bereit sind, werden auf Open Waters mit reichlich Überraschungsmomenten „belohnt“, sei es beim Hören des kompletten Albums, aber auch innerhalb jedes einzelnen der neun Songs. Anspieltipps: „How It Ends“ und „Open Waters“. (Phpto © q-rious)