Projekt Beschreibung

Woche 34/2021

Jazzbaby!

A Tamed Tigers Roar (ENJA/Edel)

Wie sollten so starke Erfahrungen wie ein Lockdown keinen Einfluss auf Künstler und Musiker haben! Vor diesem Hintergrund ist nun die Band Jazzbaby! um Stefanie Boltz und Christian Wegscheider und das Album „A Tamed Tigers Roar“ entstanden. In Antoine Saint-Exupery’s ‚Der kleine Prinz‘ sagt der Fuchs: „Bitte zähme mich“. Zähmen bedeutet hier ‚sich vertraut miteinander machen‘. Während im Deutschen der Begriff Zähmen meist Dressur bedeutet, steht er hier dafür, sich für einen Menschen und seine ganze Wildheit Zeit zu nehmen.

Genau das führt einen auch bei Jazzbaby! auf die richtige Spur: „Eine musikalische Beziehung ist etwas sehr Komplexes und Fragiles, und hat natürlich ein enormes Potenzial, wenn sie gut funktioniert. Neugierde und das Einverständnis, sich kennenzulernen sind für mich der ideale Nährboden,“ betont Stefanie Boltz.  „Christian ist für mich auch so ein ‚Tiger‘, sehr sozial und charmant, aber zugleich so wunderbar ungeschliffen und voller Überraschungen – menschlich und auch musikalisch. Wenn der auf der Bühne brüllt, dann gibt es kein Halten.“

In diesem Geist entstanden, kam das Jazzbaby! freilich erst durch die Pandemie zur Welt. Im März 2020 sollte es für Stefanie Boltz mit ihrem seit zehn Jahren bestehenden Duo „Le Bang Bang“ mit dem Bassisten Sven Faller auf Jubiläumstour gehen. „Einen Auftritt in Klagenfurt konnten wir absolvieren, bevor uns der erste Lockdown ausbremste. Ich habe die letzten zwei Stunden vor der Schließung in Salzburg in einem Café gesessen und das Unwirkliche auf mich wirken lassen,“ erinnert sie sich.

Doch jede Krise birgt eben auch eine Chance. In Österreich gestrandet, besuchte Stefanie Boltz ihren alten Freund, den Tiroler Pianisten Christian Wegscheider. Dieser Impuls führte die beiden in einen tiefgehenden Schaffensprozess. „Schon lange hatte ich damit geliebäugelt, mit ihm, einer musikalischen Allzweckwaffe, der im grandiosen eigenen Trio, aber auch seit vielen Jahren im Pepe Lienhard Orchester oder bei Willi Resetarits’ ‚Stubnblues‘ spielt, ein konzertantes Programm mit eigenen Stücken zu entwickeln“, erzählt Boltz.

Ganz nebenbei und ohne Druck konnte dies nun passieren, erst auf digitalem Weg, indem sich beide Kompositionsschnipsel hin und her schickten, dann auch mit „echten“ Proben, für die sich beide für strenge Grenzkontrollen kreative Lösungen einfallen lassen mussten. Bei der vorübergehenden Lockerung im Sommer konnte man einige der so entstandenen Songs auch vor Publikum ausprobieren. Und schon beim ersten Konzert in Südtirol fand sich der Name für das neue musikalische Kind der beiden: Jazzbaby!

Stefanie Boltz erinnert sich genau, wie sie sich zum ersten Mal, mit einem ganzen Stapel an Unterlagen in der Tasche, nervös der Grenze näherte, und dann tatsächlich passieren durfte. Was für ein Freiheitsgefühl. Wegscheider und Boltz hatten immer wieder gewitzelt, dass sie sich einfach auf einem Berg treffen, da wiederum kursierten Gerüchte, dass die Feldjäger patrouillierten und Grenzgänger ‚jagten‘. Außerdem brauchten sie ja auch Wegscheiders Studio, und einen Flügel.

„Gerade durch die Spannung und die spezielle Atmosphäre in der Entstehungszeit sind besondere Dinge entstanden“, befindet Wegscheider, „oft ist ja nicht das Glück oder die Freude der Motor für spannende Kunst, oft sind es vielmehr die Zwischentöne, die Melancholie und der Blues, manchmal auch Hilflosigkeit, die einen inspirieren“. Bei Jazzbaby! ist nun alles andere als Schwermut herausgekommen, auch wenn beide Blue Notes, Blues-Skalen und den heiligen Eifer von Gospel lieben. Ein Jazzprojekt, das auch die Scouts vom renommierten Enja-Label überzeugte, das 2021 sein 50-jähriges Bestehen feiert.

Boltz und Wegscheider lassen sich nicht von Stilgrenzen oder Kompositionskonventionen einengen, sondern folgen ihrem Gefühl und wagen das Ungewöhnliche. Beeindruckend selbstverständlich entsteht hier eine neue Spiel- und Kompositions-Art zwischen Jazz & Chanson, Blues & Singer-Songwriter, sowie einem großen Teil Kammer- und Filmmusik.

Die Arrangements arbeiten mit den vermeintlichen Gegensätzen, mit Witz und überraschenden Harmoniewechseln, lassen Gesang und Klavier sich mal aneinanderschmiegen, mal aneinander reiben. Und nicht nur diese zwei Stimmen, sondern auch die einiger befreundeter Gastmusiker: Herbert Berger (fl), Gerald Selig (cl), Florian Eggner (cello), Helmut Sprenger (bcl), Martin Kursawe (g).

Was einst damit begann, dass Boltz als Leiterin eines kleinen Festivals am Achensee den interessantesten lokalen Musiker suchte, und dabei Christian Wegscheider fand, hat sich also zu einem unverwechselbaren, gehaltvollen und zukunftsträchtigen Projekt ausgewachsen, das gleich mit seinem Debüt-Album „A Tamed Tigers Roar“ zu überzeugen weiß. Anspieltipps: „You Don’t Care“ und „A Night Like This“. (Photo © Enja/Kerkau)