Project Description

Jewish Monkeys Catastrophic Life - Photo (©) ub-comm

Woche 49/2019

Jewish Monkeys

Catastrophic Life (Greedy for Best Music)

Als Duo agieren Sängerin Inga Lühning Und Bassist André Nendza zwar erst seit 2016, kennengelernt haben sie sich aber schon zu Beginn der 2000er Jahre während einer Studioproduktion, bei der Inga Lühning als Gast auf  dem Album „Spectacles“ von André Nendza´s A.Tronic mitwirkte. Nach dem ein oder anderen Zusammentreffen in anderen Projekten und der „Entdeckung“ gemeinsamer musikalischer Vorlieben ist dann schließlich die Idee zu einer Duo-Produktion entstanden, „gereift“ und nun mit „Hodgepodge Vol. 1“ in die Tat umgesetzt worden.

In vielen Proben ist das musikalische Material auf seine Duo-Tauglichkeit überprüft worden, die Reaktion des Publikums bei Testkonzerten tat dann ihr Übriges, das Projekt Wirklichkeit werden zu lassen – „Hodgepodge Vol.1“ ist also das Debüt-Album von Sängerin Inga Lühning und Bassist André Nendza, beide bisher in unterschiedlichen (auch eigenen) Formationen erfolgreich unterwegs.

Im Kern klassisch jazzmäßig live aufgenommen, sind die Aufnahmen durch Toningenieur Christian Heck mit viel Liebe zum Detail zu einem besonderen Klangerlebnis verfeinert worden. Und dieses Klangerlebnis lebt im Wesentlichen von Klarheit; manchmal nur eine wunderbare Stimme und einige tiefe Noten des Basses, dazu, im Sinne klanglicher Abwechslung und unvoreingenommener Spielfreude, neben den Hauptinstrumenten auch Klatschen, Fingerschnipsen, Kazoo, Bass-Schlitztrommel und manches mehr…

Auch dieser Klangfarbenreichtum lässt die CD keinen Moment langweilig werden, sondern lädt vielmehr zum wiederholten Hören ein. Die Klarheit der Besetzung spiegelt sich auch im Grundthema der Auswahl des musikalischen Materials. Es dreht sich immer um Songs. Hier allerdings setzen Lühning & Nendza bewusst auf fantasievolles Durcheinander. Und so wird der Titel der CD „hodgepodge“ im Sinne von wildem Mischmasch zum Programm.

Das Duo spannt in seinen Songs ein großen Bogen von den Jackson 5 über Paul Simon, Ron Sexsmith bis hin zu zwei Franz Josef Degenhardt Chansons, denen Inga Lühning und André Nendza durchaus überraschende neu Facetten abgewinnen können – frei nach dem Motto alles ist erlaubt, es muss nur stimmig sein.

Sowohl bei der Interpretation der Fremdkompositionen wie auch den Arrangements den eigenen Stücke für diese Duo-Formation geht es den beiden vor allem darum, das Besondere der Songs zu erhalten, diese gleichzeitig aber auch, und das mit spielerischer Leichtigkeit, in die eigene klangliche Welt von Stimme und Bass zu transportieren.

Inga Lühning und André Nendza gelingt mit „Hodgepodge Vol.1“ eine spannende, kreative musikalische „Achterbahnfahrt“, die die geneigte Hörerschaft durchaus mitnimmt auf ein musikalisches Abenteuer mit einigem Überraschungs-Potential. Anspieltipps: „Graceland“ und „Wölfe mitten im Mai“.

Die Jewish Monkeys aus Tel Aviv haben einige Häutungen hinter sich: In ihrem 2014 erschienenen Debüt-Album „Mania Regressia“ formierte sich ihr Klezmer-Punk-Rock sowohl mit Cover-Versionen antiker 30er und 50er Jahre-Songs, die zu Schlagern mit satirisch-schamlosen Texten à la Groucho Marx umgestülpt wurden – auf dem zweiten Album „High Words“ (2017) setzte die Band ihren Stil in ungehemmter Weiterentwicklung konsequent fort und entwickelte sich von einem losen Studioprojekt zu einem die großen Bühnen bespielenden Septett.

Nun also mit „Catastrophic Life“ das neue Album. Zehn neue Songs, allesamt aus der Feder der Bandmitglieder – Jossi Reich (voc), Gael Zaidner (voc), Omer Hershman (g), Yoli Baum (b), Eylon Tushiner (sax), Yaron Ouzana trb), Henry Vered (dr) – zeigen eine neue Richtung auf. Dass sich jiddische Gassenhauer aus dem Shtetl gut mit Ska-Rhythmen vertragen, haben sie schon auf den vorherigen Alben gezeigt. Afrobeat, Reggae, Funk, bisweilen karibisches Flair, wilde Gitarren und eine winzige Dosis Balkania sind auch die Hauptzutaten des neuen Albums der Jewish Monkeys.

Die meist satirischen Texte legen wie schon früher Finger in offene Wunden, wobei sich die Protagonisten auch immer mit der Unzulänglichkeit des eigenen Seins auseinandersetzen, über ihr Altwerden, ihre Impotenz, die Lügen der Politik und der immer grandioser werdenden Hitze auf unserem Erd-Raumschiff.

An Sozialkritik wird dabei nicht gespart, wobei die Monkeys ganz in der Tradition des jüdischen Humors stehend, zuallererst bei sich selbst anfangen: Ja, es ist ein „katastrophales Leben“ für all die ewig und hoffnungslos Verheirateten, wie ein Song vom Album ausführt, aber Hoffnung gibt es dennoch, denn „All the Great Things“ passieren dann, wenn man sie am wenigsten erwartet und am Ende wird dann alles zum „Grand Bazar“, in dem sich Kulturen und Befindlichkeiten vermischen.

Zahlreiche Konzerte führten die Jewish Monkeys in den letzten Jahren durch Deutschland, das sich besonders empfängnisbereit für die Kunst dieser wiederauferstandenen jüdischen Musikanten ost-europäischer Herkunft zeigte. Und das deutsche Publikum hatte einiges zu schlucken, denn ihm blieb oft ob der tabulosen Texte und Ansagen der Mund offenstehen, um dann nach einer Schrecksekunde in befreiendes Lachen auszubrechen. Und das wird mit „Catastrophic Life“ nicht wirklich „besser“.

Schon „High Words“ ist seinerzeit an dieser Stelle als CD der Woche vorgestellt worden, „Catastrophic Life“ kommt noch um eine Spur dynamischer, gleichzeitig auch einen Hauch leichtfüßiger daher und wird von einem vierten Album nicht ganz leicht zu übertreffen sein – aber wer weiß; die Jewish Monkeys sind immer für Überraschendes gut. Anspieltipps: „Le Grand Bazar“ und „La Mariquita“. (Photo © ub-comm )