Projekt Beschreibung

Woche 14/2021

João Selva

Navegar (Underdog Records)

João Selva ist in Rio de Janeiro als Sohn eines Pastors in einer Gemeinde von früheren Gefängnisinsassen und zur Religion bekehrten Künstlern aufgewachsen. In seiner Kindheit lernte er unter den wachsamen Augen der Bossa Nova-Ikone Wanda Sá seine ersten Töne auf der Gitarre zu spielen.

Sein Vater, ein Musikliebhaber und Plattensammler, beeinflusste João mit seinem Wissen über brasilianische Musik, vor allem Capoeira Angola, Samba de Roda, Maracatu und Coco de Roda. Mit 18 Jahren begann Selva seine Musikkarriere und spielte Music Hall-Konzerte für Kinder in Afrika, Südamerika und der Karibik, bevor er sich viele Jahre später im französischen Lyon niederließ.

Der Pastorensohn aus Ipanema liebt die Popmusik seiner Heimat und hat schon auf seinem 2017 erschienenen Album „Natureza“ die Exstase der brasilianischen Rhythmen mit musikalischen Ausdrucksformen wie Jazz, Disco und Funk zusammengeführt.

Das zweite, sehr passend betitelte Album „Navegar“ (VÖ 2.4.2021) ist eine Reise zur Sonne, die auf den mysteriösen Pfaden des Black Atlantic von Joãos Geburtsort bis zum brasilianischen Nordosten führt. Auf dem Weg dorthin stattet der Künstler der Karibik, den Kapverden und Angola einen Besuch ab, folgt den unwiderstehlichen Rhythmen von Forró, Kompa, Funaná oder Semba und entdeckt die kulturellen Bande zwischen diesen Orten.

Das Album ist ein Loblied auf die Creole-Kultur und den Tropicalismo, strotzt nur so vor Klangfarben aus Funk, Jazz und Disco und nimmt die Form eines ausgelassenen Reisetagebuchs an, bei dem João Selva auf KünstlerInnen wie Flavia Coelho oder den Multiinstrumentalisten Bruno Patchworks (The Dynamics, David Walters) trifft und mit ihnen komplett frei und ungebunden auf dem Black Atlantic segelt.

Dabei überrascht es nicht wirklich, dass die transatlantische Reise in Lyon Anker werfen sollte, einer Stadt des Zustroms, in der reisende MusikerInnen sehr leicht Wurzeln zu schlagen scheinen, wie die Projekte von Vaudou Game, The Bongo Hop, Dowdelin oder Bab L’Bluz zeigen. Produzent Bruno Patchworks formte „Navegar“ in seinem Studio im Lyoner Stadtteil Les Pentes de la Croix Rousse zu einem Neo-Tropicalia-Album ohne überflüssige Nostalgie.

Die Texte sind angesichts der desaströsen sozio-politischen Lage in Brasilien von einer Botschaft der Resilienz und Toleranz erfüllt. Songs wie „Tudo vai dar pé“ oder „Camará“ sind so etwas wie Oden für den Glauben an bessere Zeiten, während sie die Tyrannei des brasilianischen Präsidenten scharf verurteilen.

Viele der Texte handeln aber auch von der Liebe, manchmal in ihrer körperlichen Form wie „Devagar“ oder „Meu Mondo“, manchmal aber auch in universeller Form wie „Meu mano“ mit Gastsängerin Flavia Coelho. Die Texte sind poetisch und naiv gehalten wie in „Se você“ und verankert im fantastischen Realismus der großen Autoren Südamerikas.  Anspieltipps: „Navegar“ und „Cadê Você“. (Photo © ub-comm)