Projekt Beschreibung

Woche 23/2021

John Hiatt & The Jerry Douglas Band

Leftover Feelings (New West Records)

Mitten in einer globalen Pandemie betrat John Hiatt das historische RCA Studio B und öffnete ein ganzes Leben voller zurückgelassener Gefühle. Vor einem halben Jahrhundert lebte Hiatt in einem schäbigen Zimmer für 15 Dollar die Woche in der 16th Avenue in Nashville, weniger als eine Meile von den RCA- und Columbia-Studios entfernt, die das Herzstück dessen waren, was als “Music Row” bekannt wurde. In den darauffolgenden 50 Jahren entwickelte er sich von einem rauflustigen jungen Wilden zu einem gefeierten Großmeister des Gesangs.

Für „Leftover Feelings“ tat sich Hiatt mit dem mehrfach ausgezeichneten Künstler und Produzenten Jerry Douglas und seiner Band, der Jerry Douglas Band, zusammen. Es gibt keinen Schlagzeuger, dennoch sind die Grooves tief und echt. Und während die Up-Tempo-Songs wie immer mit den von John Hiatt gewohnten „inneren Reimen“ und schlauer Aggression gefüllt sind, bringt die einfühlsame Musikalität der Jerry Douglas Band Hiatt zu Song-Interpretationen, die verblüffend verletzlich daherkommen.

Die elf Songs auf „Leftover Feelings“ (VÖ 21.5.20) wurden von Jerry Douglas produziert und im historischen RCA Studio B in Nashville (s.o.) aufgenommen. Entstanden ist weder ein Bluegrass-Album noch eine Rückkehr zu Hiatts 1980er-Jahre-Tagen mit den Slide-Gitarren-Größen Ry Cooder und Sonny Landreth, vielmehr ein Treffen zweier amerikanischer Musik-Legenden in einer legendären Umgebung.

Die Zusammenarbeit folgt auf Hiatts 2018 erschienenes Studioalbum “The Eclipse Sessions”. Von der Kritik gelobt, sagte die New York Times: “Hiatt schreibt immer noch, wie seine neueste Veröffentlichung, ‘The Eclipse Sessions’, beweist, zeitlose Melodien”, während Guitar Player ihn “…einen Künstler auf Augenhöhe mit amerikanischen Größen wie Bob Dylan, Tom Petty, Paul Simon und Bruce Springsteen” nannte.

Jerry Douglas ist ein Dobro-Meister, der das Instrument neu erfunden hat und dafür verantwortlich ist, dass es in der modernen Zeit populär geworden ist. Das Studioalbum “What If” der Jerry Douglas Band aus dem Jahr 2017 wurde für einen Grammy Award in der Kategorie “Bestes zeitgenössisches Instrumentalalbum” nominiert, und der Rolling Stone schrieb: “Selbst nach 14 Grammys erkundet Jerry Douglas immer noch nicht zwingend auf der Hand liegende musikalische Paarungen…”

Im Leben können übrig gebliebene Gefühle ungelöst bleiben, egal wie oft sie erforscht werden. Erforscht an einem Ort der Geschichte, einem Ort des Trostes. Ein heiliger Ort, wenn man die Dokumentation des menschlichen Ausdrucks für eine heilige Sache hält.

Hier also, mit „Leftover Feelings“, gibt es ein Treffen von geprellten und triumphierenden amerikanischen Giganten. John Hiatt und der Jerry Douglas Band ist ein wunderbares Album gelungen; darauf Liebeslieder und Straßenlieder, schlaue Lieder und verletzte Lieder voller übrig gebliebener Gefühle, irgendwie, wenn auch nicht immer beim ersten Hören, eher schleichend sich verfestigend, in diese seltsame Zeit passend. Anspieltipps: „Light Of The Burning Sun“ und „Mississippi Phone Booth“. (Photo © Oktober Promotion)