Projekt Beschreibung

Woche 30/2022

Julia Werup

The Thrill Of Loving You (Stunt Records)

Als Sängerin ist sie Autodidaktin. Ihre mühelose Fähigkeit, die richtigen Töne zu treffen, wurde fernab jedes Übungsraums kultiviert, und dass ihre Stimme und ihre Texte zu etwas Wiedererkennbarem herangewachsen sind, hängt wohl unmittelbar mit prägenden Erfahrungen in ihrem bisherigen Leben zusammen, das man wertfrei und zurückhaltend durchaus als komplex bezeichnen kann.

Julia Werup verbrachte ihre Kindheit in Schweden. Ihr Vater war Jacques Werup, der berühmte Schriftsteller, Dichter, Musiker und eine zentrale Figur in einem vielfältigen und lebendigen kulturellen Umfeld. Sie wuchs mit Jazzmusik auf und war oft dabei, wenn ihr Vater auf Tournee war und in Jazzclubs spielte, war aber nicht besonders fasziniert von dem künstlerischen Leben, das ihre Familie umgab.

Sie leistete Widerstand, und ihre jugendliche Rebellion wurde mit einer Neigung zur Provokation ausgeweitet – im Alter von 16 Jahren verließ sie ihr Zuhause in der festen Überzeugung, dass sie einen ganz anderen Weg als ihre Eltern einschlagen müsse. Sie begann, mit einer Band aufzutreten, dann Gedichte zu schreiben. „Ich hatte eigentlich keine Ambitionen, ich musste nur einige Dinge aus meinem System, aus meinem Körper herausholen… um den Schmerz, die Traurigkeit, die Einsamkeit und die Unruhe einer jungen Frau auszudrücken”, so Julia Werup.

Zwei Sammlungen ihrer Gedichte wurden vom ‘The Poetical Bureau’s Publishing House’ in Dänemark veröffentlicht, beide im Jahr 2017. Der erste, “Ensamma Mäns Död” (“Der Tod des einsamen Mannes”), entstand nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2016. Die zweite, “Supernova”, wurde von einem Kritiker als “wütende und gut beleuchtete Texte“ rezensiert.

Werup war Anfang zwanzig, als sie nach Kopenhagen umzog, der Stadt, die bald ihre Basis werden sollte. Sie wurde ein aktiver Teil der Techno-Szene und der elektronischen Deep-House-Musik durch die Zusammenarbeit mit einigen der angesehensten DJs dieses Genres. Sie arbeitete mit dem Rapper Jokeren und erforschte ihre Verbindung zu Wort und Musik in der Poesie- und Spoken-Word-Szene der dänischen Hauptstadt, zuletzt mit der Performance-Gruppe “Live On Vinyl”.

Ihre vielfältigen künstlerischen und professionellen Netzwerke haben sich im Laufe der Jahre erweitert. Sie ist mit dem Pianisten (und künstlerischen Leiter des Jazzhus Montmartre) Jan Lundgren aufgetreten, und in “Black Dalia” wurde Musik des Saxophonisten und Komponisten Thomas Hass mit ihren Texten gepaart, die sie selbst zusammen mit der Norwegerin Marte Schau gesungen und rezitiert hat.

Mit dem Album “The Thrill Of Loving You” betritt die 1987 geborene Dichterin und Sängerin Julia Werup bei ihrem offiziellen Debüt als Jazzsängerin musikalisches Neuland. Begleitet wird sie vom Bassisten Johnny Åman, dem Pianisten Sven-Erik Lundequist und dem Schlagzeuger/Produzenten Thomas Blachman. Im vergangenen Jahr flogen bei einem Rendezvous mit Blachman die romantischen Funken und entfachten eine intensive gegenseitige Verliebtheit. Ihre Beziehung inspirierte ihn dazu, nach einer längeren Pause wieder Musik zu kreieren und zu produzieren, eine Rückkehr, zu der eben auch die Arbeit an “The Thrill Of Loving You” gehörte.

Das Projekt ist inspiriert von Ikonen aus der gesamten reichen Jazzgeschichte – darunter der Trompeter und Sänger Chet Baker, die Sängerinnen Billie Holiday, Monica Zetterlund, Abbey Lincoln und der Franzose Jacques Brel, dessen Text zu “Ne me quitte pas” Julia Werup ins Schwedische übersetzt hat. “Ich habe einige meiner Lieblingslieder und -texte ausgewählt, in denen ich mich wiederfinden kann. Der Ton ist dunkel, aber das war nicht meine Absicht. Wahrscheinlich bin ich bei diesen Liedern gelandet, weil ich eine dunkle Seite habe”, sagt sie über die Programmwahl.

Julia Werup hat erkennbar eine größere Vorliebe für Sonnenuntergänge und Jazzmusik in der Stereoanlage als für High Noon und Sommerpartys in der Sonne. Und das aktive Streben nach dem inzwischen weltweit anerkannten dänischen Begriff (und Zustand) “Hygge” steht definitiv nicht auf ihrer Agenda. „The Thrill Of Loving You“ ist dennoch ein Album, das bei aller „Sadness“ auch eine gewisse Ruhe ausstrahlt und um es küchenpsychologisch zu formulieren: Julia Werup scheint bei sich angekommen zu sein. Anspieltipps: „Blackbird“ und „Lämne inte mig“ (Ne me quitte Pas). (Photo © uk-promotion)