Projekt Beschreibung

Woche 07/2022

Karl Ivar Refseth Trio

Devotion (Traumton)

Fast sechs Jahre liegen zwischen „Praying“, dem Debütalbum des Trios des Vibraphonisten Karl Ivar Refseth, und seinem neuen Werk „Devotion“. Eine lange Zeit selbst in der Jazzwelt, zumal die kontemplativ-intensive Produktion seinerzeit sehr erfolgreich war und von großer internationaler Resonanz begleitet wurde. “Eine erstaunliche Reise für die Sinne und Emotionen”, befand das Schweizer Radio SRF, und der viel beachtete Blog Tor Hammerø konstatierte: “Es gibt einen verborgenen norwegischen Jazz-Schatz in Berlin.”

Natürlich hat der 1977 geborene, klassisch und jazzig ausgebildete Vibraphonist nach „Praying“ seine Schlägel nicht ganz zur Seite gelegt. Eine Zeit lang konzentrierte sich Refseth auf seine neue Rolle als Vater, und er war und ist ein gefragter Sideman in hochkarätigen Formationen. Seit 2009 ist er festes Mitglied der Indie-Rock-Masterminds The Notwist, und in den letzten drei Jahren vor der Pandemie brillierte er auch mit Songwriter Gisbert zu Knyphausen (auf dem Album Das Licht dieser Welt und live).

Refseths harmonische und rhythmische Kaskaden setzten sich im innovativen Tied & Tickled Trio mit dem legendären US-Schlagzeuger Billy Hart ebenso durch wie in den ersten Produktionen des avantgardistischen Andromeda Mega Express Orchestra. Außerdem komponierte und performte Refseth zusammen mit Console alias Martin Gretschmann für Andreas Ammers Hörspiel Gott; 2019 konzertierten die beiden auch als Improv-Techno-Duo beim Berliner X-Jazz Festival, in London und beim Montreux Jazz Festival. Darüber hinaus arbeitete Refseth häufig mit dem Saxophonisten Johannes Enders zusammen.

Letztlich waren es vor allem zwei Umstände, die zu der längeren Pause des Trios führten. Zum einen lebte Kontrabassist Matthias Pichler drei Jahre lang in New York und stand daher für eine neue Produktion und die anschließende Tournee nicht voll zur Verfügung. Da Refseth seine Gruppe als feste Band sieht, zog er es vor zu warten, anstatt mit einem anderen Bassisten zu arbeiten. Andererseits betont der Komponist, der 2005 von Oslo nach Berlin gezogen ist, einen konzeptionellen Aspekt: “Ich will erst dann eine Platte herausbringen, wenn ich das Gefühl habe, dass sie über den Moment hinausreicht.”

Das Debüt des Trios war von einer zeitlosen Aura geprägt, die nun auch „Devotion“ durchdringt. “Die Musik ist vielschichtiger geworden, man kann mehrere Ebenen darin entdecken”, beschreibt Karl Ivar Refseth die Entwicklung. Entschlossener denn je hebt er selten gehörte Eigenschaften seines Instruments hervor, auch mit Hilfe erweiterter Spieltechniken. Er setzt Geigenbögen ein, um die Metallplatten des Vibraphons in Schwingung zu versetzen, verwendet Drumsticks und andere Stöcke, moduliert Töne durch spezielles “Bending” und erzeugt flirrende Obertöne.

Die meisten der neueren Stücke wurden während des ersten Lockdowns geschrieben, doch die Pandemie hatte keinen direkten Einfluss, sagt Karl Ivar Refseth. “Tatsächlich ist das ganze Album von Widmungen an Menschen geprägt, die mir besonders wichtig sind.” Dazu gehört neben den bereits erwähnten auch das japanische Duo Tenniscoats, über dessen Song “Tsuki No Oto” er eine stimmungsvolle Variation geschrieben hat.

Aus diesem Kontext der Widmungen heraus und auch um die Vielfalt zu erweitern, haben es zwei Kompositionen anderer Komponisten auf das Album geschafft. Christian Weidners sehr kontemplatives “Augustchoral” ist als Live-Duett der beiden Musiker schon seit längerem im Repertoire. “O-4”, von Refseth solo interpretiert, stammt aus der Feder von Micha Acher vom legendären Notwist-Album „Shrink“ und verzaubert mit Acher-typischen Akkorden.

Mit “Devotion” legt Karl Ivar Refseth einmal mehr ein herausragend atmosphärisches Album vor, das sich über Genregrenzen hinwegsetzt. Ihn und seine beiden einfühlsamen Bandpartner verbindet fraglos ein intellektuelles und emotionales Verständnis; gemeinsam verleihen sie den Kompositionen eine außergewöhnliche Tiefe. Refseth betont, dass „Devotion“ als dramaturgisches Ganzes verstanden und gehört werden soll. Und auch wenn das nicht immer gelingt, unterstreicht diese Idee die bemerkenswerte Zeitlosigkeit der Musik. Anspieltipps: „Song For A Good Friend“ und „Indecision“. (Photo © Traumton)