Projekt Beschreibung

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Woche 04/2020

Lina & Raül Refree

Lina Raül Refree (Glitterbeat)

Die alte Haut abstreifen und den Neuanfang wagen: Das haben Sängerin Lina und Produzent und Multi-Instrumentalist Raül Refree auf ihrem Album „Time“ mit dem portugiesischen Fado gemacht. Von den Insignien und peinlich genau eingehaltenen Traditionen der für Portugal so wichtigen Musik trennten sie sich und übertrugen sie ins 21. Jahrhundert. Weg sind die Gitarren, die lange das Markenzeichen des Fado waren; neu sind Klavier und analoge Synths. Während sie die Schönheit der Melodien und die in der Tradition so wichtige schmerzerfüllte Lyrik beibehielten, erfanden sie die Musik neu.

„Ich wollte mit dem Fado etwas anders machen“ erklärt Lina. Der Fado hat eine lange Tradition in ihrer Familie, sie ist die dritte Generation, die sich ihm widmet. Mit 15 Jahren fand sie zu ihm, studierte Operngesang und stellte auf der Bühne die große Fado-Königin Amália Rodrigues dar. Später wurde sie zu einer der erfolgreichsten, regelmäßig im Lissaboner Kultclub Clube de Fado auftretenden Künstlerinnen innerhalb des Genres. Aber irgendwann wollte sie mehr – und sie wusste genau, wen sie dafür anrufen musste. „Ich lud Raül dazu ein, mein Album zu produzieren“ so Lina.

Raül ist ein bekannter Solokünstler und Produzent. Er hat u.a. mit der Flamenco-Sängerin Rosalía an ihrem Album „Los Angeles“ gearbeitet, das ihr den Durchbruch brachte. „Lina dachte, dass der Fado etwas ähnliches brauchte, wie ich es mit dem Flamenco gemacht habe“ erinnert er sich. „Sie lud mich in den Club ein, um sie dort singen zu hören. Am nächsten Tag gingen wir direkt ins Studio, um herauszufinden, ob wir eine gute musikalische Beziehung führen könnten. Sie begann zu singen und ich spielte.“

Zuerst griff er zur Gitarre, merkte aber schnell, dass er sich „viel wohler mit dem Klavier fühlte“ und mit dem Instrumentenwechsel war klar, in welche Richtung das Album gehen sollte. „Das Alles passierte auf sehr natürliche Weise“ führt Lina aus, „wir wollten etwas machen, das nicht das immer Gleiche war, ein Album, das die Regeln brach. Schlussendlich kam dabei etwas heraus, das uns beiden sehr gefällt, und das ist wichtig.“

Lina wählte die Stücke aus, allesamt Fado-Klassiker, die mit Amália Rodrigues in Verbindung stehen. Es waren Songs, die sie kannte und liebte. „Ich kann nichts singen, was ich nicht fühlen kann“ sagt Lina, „das ist meine Regel. Wir haben die Texte oder Melodien nicht verändert. Es gibt keine traditionellen Instrumente, aber die Emotion und das Gefühl in allen Stücken ist absolut Fado.“

In drei Sessions ab Mai 2018 veränderte sich der Sound von Mal zu Mal. Auf der Grundlage der in ganz Portugal bekannten Songs entwickelten die beiden mit minimalistischen Soundstrukturen und Linas Gesang voller bittersüßer Hoffnung ihre ureigene, den Hörer fesselnde Soundwelt. Raüls Arrangements bleiben durch das gesamte Album hinweg subtil und bedienen sich der analogen Synths und Ambient-Elemente nur sparsam, um vor allem Linas Stimme ins Zentrum zu stellen. Die perfekt ausbalancierten Instrumente geben Lina die Freiheit und den nötigen Raum, in dem sie jede einzelne Nuance des Kummers und der vorbeiziehenden Freude erforschen und dabei jedes Wort bis ins Innerste spüren kann.

„Das Album ist anders“ sagt Lina, „das war alles, was wir erreichen wollten. Wir haben ein Update des Fado gemacht. Dabei wollen wir nur Musik spielen, die die Menschen berührt“ und weiter „Der Fado ist über die Jahre mit vielen Regeln versehen worden. Wir haben viele davon gebrochen, aber wir haben dabei nicht die Wurzeln der Musik vergessen.“ Lina und Raül Refree haben den Fado von seinen Regeln befreit und für die heutige Zeit verändert. Anspieltipps: „Maldição“ und „Foi Deus“. (Phpto © ub-comm)