Project Description

Luciel - Photo © Herzog Records

Woche 05/2019

Luciel

And That’s All I Remember (Herzog Records)

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass eine noch recht unbekannte Band ein Album von fast 60 Minuten Spielzeit vorlegt – statt vielleicht ein kurzes Demo an den Start zu bringen, um sich einem der großen Studios oder Labels anzudienen. Vielleicht sind es aber auch die Zeichen der Zeit, in der das Music Business wahrlich kein freundlicheres geworden ist, moderne Technik aber mehr Unabhängigkeit der Kreativen ermöglichen kann:

„Wir haben die Platte von Anfang bis Ende selbst geschrieben, aufgenommen, produziert und gemixt. Dank recht umfassender Expertise vom  Songschreiben übers Produzieren durchdringen sich die Prozesse relativ stark. D.h. beim Schreiben tauchen bereits erste Produktionsideen auf, und der gesamte Produktionsprozess bleibt ein kompositorischer Vorgang. Die Produktion ist uns genauso wichtig wie das Schreiben“ meint Florian Rynkowski, Bassist und Mitproduzent des Albums.

Diese organisch gewachsene und kollektive Herangehensweise prägt den Sound von …and that´s all I remember“. Alles ist klar, knackig, dabei stets warm und analog klingend. Die Arrangements, komplett mit Strings, Synths, zahlreichen Keyboards und, komplexen Vocal Harmonies bleiben durchsichtig und bei aller gelegentlichen Opulenz unaufdringlich – überlagern nicht das, worauf es bei Soul und Funk letztlich ankommt: die Grooves und natürlich die Songs und ihr Feeling.

Neben Florian Rynkowski bilden Bruder David Rynkowski, erfahrener Sänger, Keyboarder, Komponist und Produzent sowie Schlagzeuger und Multi-Talent Tim Dudek den Kern von Luciel. Die Gitarrenarbeit besorgt Philipp Brämswig, der mit seinem Jazz Trio – bei dem wiederum Florian den Bass beisteuert – Preisträger des Neuen Deutschen Jazzpreis Mannheim ist. Als Gastmusiker/Vocalisten sind außerdem Anikó Kanthak, Ray Lozano und Sophie Grobler zu hören.

Die Liebe zur improvisierten Musik ist für den Sound von Luciel nicht unwesentlich, denn man lässt sich auch mal die Zeit, die eigene Spielfreude in nicht unbedingt Genre-typischen, längeren Soli-Passagen auszuleben. So verwundert es nicht, dass sich die Band in der Szene bereits einen feinen Ruf als Live-Act erspielt hat – unter anderem als Support für die Acid Jazz-Legenden Incognito, Neo-Soul-Ikone Bilal oder eines jeden Musikers Darling Snarky Puppy.

Die Jungs von Luciel sagen, sie eint eine „Passion für gute handgemachte (Pop)-Musik“. Auch hier wieder ein Hauch von scheinbarer Bescheidenheit. Doch wer sich in seiner Musik unter anderem an den großen Alben eines Stevie Wonder oder Marvin Gaye aus den 1970er Jahren orientiert und diese Standards in zeitgemäße Sounds übersetzt, hat sich einiges vorgenommen – und im Falle von … and that´s all I remember verwirklicht.

Denn „gute, handgemachte Popmusik“ zu machen, bedeutet ja nicht mehr und nicht weniger, als direkte Eingängigkeit mit musikalischer Tiefe zu verbinden. Wie bei einem gutem Wein oder Whisky sind die ersten Eindrücke der insgesamt 11 Songs auf diesem Album angenehm vielversprechend und einladend. Ihre volle Wirkung entfalten sie aber nach und nach. Es sind Songs, die atmosphärisches Hören und entspanntes Mitgrooven zulassen, aber jederzeit das wiederholte und genauere Hinhören belohnen. Anspieltipps: „Dream Not“ und „I Don’t Wanna Run“ (Photo © Herzog Records)