Projekt Beschreibung

Woche 50/2020

Mariza

Mariza Canta Amalia (Warner)

Amália Rodrigues, die 1999 verstorbene „Königin des Fado“, wurde als einzigartige Sängerin in einer Reihe mit den ganz großen Stimmen des populären Lieds des 20. Jahrhundert genannt – mit Édith Piaf, Frank Sinatra, Ella Fitzgerald und Oum Kalthoum. Mariza verhalf dem Fado ihrerseits zu neuer Bedeutung im 21. Jahrhundert. Zusammen sind Amália und Mariza zwei der wegweisendsten, einflussreichsten und stilprägendsten Kreativkräfte des Fado, dem Exlibris der populären portugiesischen Musik, einem Weltkulturerbe.

Beide Künstlerinnen haben auch ungeachtet ihrer Herkunft Portugal viel gemeinsam. Mariza riss die Menschen weltweit während ihrer Gastspiele in legendären Konzerthäusern wie dem Pariser Olympia oder der New Yorker Carnegie Hall in derselben Wucht mit wie Amália Rodrigues vor ihr. Mit ihren hochgelobten Albumeinspielungen und ihren überraschenden, aufsehenerregenden Kollaborationen, erweiterte Mariza die moderne Auffassung dessen, was Fado ist. Wie es nur Amália vor ihr in den 1960er- und 1970er-Jahren möglich war, wurde Mariza zur Botschafterin der Portugiesischen Musik im 21. Jahrhundert.

Was für alle Fado-Interpreten, die etwas auf sich halten, eine Pflichtübung ist, nahm sich in Marizas künstlerischem Werdegang wie eine Initiation aus: Bereits in den Anfangstagen ihrer Karriere sang sie auf der Bühne und im Studio kontinuierlich Stücke aus Amálias Repertoire. Aber nie zuvor wagte sie den Schritt, ein ganzes Album voller Rodrigues-Klassiker aufzunehmen. Nun war es an der Zeit.

Anlässlich ihres 20. Karrierejubiläums und des 100. Geburtstages (23.7.1920) von Amália Rodrigues, veröffentlicht sie „Mariza Canta Amália“ und sagt dazu: „Ich finde, ich hätte keinen besseren Weg finden können, Amália Tribut zu zollen, und ihr für das Erbe und die Inspiration zu danken, die sie uns hinterlassen hat, als mit diesem Album“, für das Mariza zehn Amália-Standards für das 21. Jahrhundert ausgewählt und neugedeutet hat. Deren „Seelen“ blieben intakt, ihre Identitäten weisen unverkennbar Richtung Amália. Ihre Ausgestaltungen jedoch sind so geschmackvoll anders gelungen, wie sie in den künstlerischen und gesellschaftlichen Visionen Amália Rodrigues‘ immer unberechenbar gehalten werden sollten.

Apropos Visionen. Amália und Mariza sind nicht nur musikalische Initiatorinnen. Beide waren und sind auch beispielhafte Vordenkerinnen für weibliche Selbstbestimmung. Lange bevor das Patriarchat Bühnenakteurinnen zähneknirschend deutlich mehr zugestehen musste als reinen Unterhaltungswert, hatte sich Amália Rodrigues dank ihres Muts zur Selbstermächtigung, Vorbildcharakter für unzählige Frauen erkämpft. Dieser Tugend folgt Mariza heute auf ihre Weise selbstbewusst, selbstwertschätzend und mit großem Sendungsbewusstsein.

Die „Mariza Canta Amália“-Songs wurden ganz traditionell mit der portugiesischen und der klassischen Gitarre eingespielt. Aber Mariza erhebt ihre Stimme diesmal, das ist das besondere Merkmal ihres neuen Albums, vor allem flankiert von den großen Klängen eines Orchesters. Zur Umsetzung und Gestaltung lud Mariza einen alten Freund ein: Jaques Morelenbaum.

Der brasilianische Musiker und Produzent, ein regelmäßiger Komplize von Ryuichi Sakamoto und Caetano Veloso, hatte bereits Marizas Album „Transparente“ (2005) produziert. das mit 3-fach-Platin ausgezeichnet wurde. Für „Mariza Canta Amália“ schuf er eine Reihe Orchester-Arrangements, die gleichsam klassisch und innovativ anmuten. Mariza öffnete er damit Räume, die es ihr ermöglichten, tief in die Strukturen der Songs einzutauchen, um sie frisch klingen zu lassen und mit faszinierender Schönheit zu versehen.

Aufgenommen wurde das Album in Lissabon und Rio de Janeiro und in der Form eingespielt, wie einst nur Amália Rodrigues Platten aufnehmen konnte. Und so, wie sie nur Mariza einzuspielen vermag. Ist es Fado? Ja und nein. Es ist vor allem wunderbare Musik. Anspieltipps: „Barco Negro“ und „Fado Português“. (Photo © Q-rious / Warner)