Projekt Beschreibung

Photo © Traumton

Woche 09/2020

Masaa

Irade (Traumton)

Fast drei Jahre sind seit Erscheinen der CD „Outspoken“ vergangen, vieles ist seitdem passiert. Die Tournee zur Veröffentlichung führte das Quartett unter anderem nach Tunesien, Aserbaidschan und Izmir sowie von Spanien bis England quer durch Westeuropa. Begeisterte Reaktionen von Publikum und Medien legten nahe, dass Masaa erfolgreich weiter ihren Weg gehen werden.

Doch dann ein unerwarteter Bruch: Pianist Clemens Pötzsch verließ 2018 die perfekt eingespielte Band. „Nach einiger Überlegung haben wir uns dafür entschieden, mit Gitarre statt Klavier weiter zu machen“, erklärt Trompeter Marcus Rust, „zumal wir Reentko Dirks von unseren Studientagen in Dresden kannten.“
Der Wechsel bringt natürlich Veränderungen in Klang und Ästhetik, die Masaa souverän für sich zu nutzen weiß. Nach wie vor aber steht der eindringliche, zurückhaltend mit Arabesken verzierte Gesang Rabih Lahouds im Zentrum, prägen sein über mehrere Oktaven warmes Timbre und seine Ausdruckskraft bis in hohe Register alle Songs von „Irade“.

Geblieben sind auch die Arrangements, deren Dynamik zuweilen gängige kammermusikalische Rahmen sprengt. Dafür sorgt nicht nur der enorme Umfang von Lahouds Stimme, sondern auch das ausgesprochen variable, unverkennbar im zeitgenössischen Jazz angesiedelte Spiel von Rust und Drummer Demian Kappenstein. An ihrer Seite kreiert nun Reentko Dirks nuancierte, in dieser Form bei Masaa noch nicht gehörte Klänge, dank seiner speziellen akustischen Gitarre, aus deren Körper zwei Hälse wachsen.

Einer davon entspricht dem üblichen klassischen Modell, auf ihm spielt Dirks filigrane Pickings und kraftvolle bis relativ hart angeschlagene Akkorde. Sie wecken zuweilen Erinnerungen an arabo-andalusische Stilistik und können sogar Flamenco-Vehemenz erreichen, etwa in dem erst ruhigen, dann temporeichen Averoes.

Der zweite Hals ist teils mit Bass-Saiten und teils doppelsaitig bespannt, zudem gibt es in der oberen Hälfte des Griffbretts keine Bünde, was das Spiel von Glissandi und Vierteltönen erleichtert. So kommt Dirks dem Klang eines Kontrabass und einer arabischen Laute nahe. „Reentko macht den Oud-Sound zu seinem eigenen und verwebt ihn meisterhaft mit anderen Klängen“, schwärmt Rabih Lahoud, „ich habe eine solche Vielfalt bei keinem anderen Musiker in dieser Intensität gehört. Er kreiert neue Themen für unsere musikalischen Dialoge.“

„Wir haben viele Kompositionen Reentkos ins Repertoire aufgenommen“, ergänzt Marcus Rust, „um ein neues Bandkapitel aufzuschlagen, das von ihm maßgeblich mitgestaltet wird.“ Zweifellos hat sich die Musik dadurch insgesamt mehr in Richtung Orient bewegt. Die Saitensprünge des mehrfach ausgezeichneten Musikers, seine Kontrapunkte und Unisoni mit Lahouds Gesang lassen keinen Zweifel, dass sich der 40 Jahre alte Niedersachse intensiv mit Traditionen des östlichen Mittelmeerraums beschäftigt hat.

Zudem verfügt er über profunde Kenntnisse der europäischen Klassik und weiß sein ohnehin weites Klangpanorama gezielt mit extremen Stimmungen oder mechanischen Präparierungen zu abstrahieren, wie beispielsweise in „Sara“ zu entdecken ist. Nur ganz selten und sehr zurückhaltend, wie etwa bei „Farascha“, benutzt Dirks einen E-Bow für lange stehende Töne.

Alle Titel auf „Irade“ wurden eigens für die aktuelle Besetzung geschrieben, wie früher schon gestaltete die Band gemeinsam die Arrangements. Der neue, detailgenau gewobene Masaa-Sound klingt noch lebendiger und dynamischer. Er changiert zwischen Intimität und individueller Melodik, schillernden Wendungen und überraschenden Kontrasten, wechselnden Tempi und Grooves. Anspieltipps: „Herzlicht“ und „Sara“. (Photo © Traumton)