Project Description

Woche 42/2019

Matthias Boguth

Milk Wood (Traumton)

Aufgewachsen im Umland von München, kam Matthias Boguth durch Freunde aktiv zur Musik. Als Grundschüler spielte er Statistenrollen an der Bayerischen Staatsoper, nach der obligatorischen Blockflöte lernte er Klavier. Mit 16 Jahren kehrte er dem Gymnasium den Rücken, um sich an der Neue Jazzschool München einzuschreiben. Bei der Aufnahmeprüfung fokussierte sich Boguth auf Gesang, da er zuvor bei verschiedenen Indie-Poprock-Bands als Sänger mitgewirkt und Spaß daran gefunden hatte.

„Eigentlich wollte ich an der NJM Popmusik machen“, so Boguth rückblickend, „doch das erste Stück, das wir im Unterricht bearbeitet haben, war Miles Davis‘ Kind Of Blue.“ Die so geweckte Faszination für Jazz vertiefte er durch Besuche diverser Konzerte, 2015 ging er an die Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, hat bereits als Leiter verschiedener Bands und Projekte einige Bühnenerfahrung gesammelt, aber vor „Milk Wood“ noch kein Album veröffentlicht. Umso mehr beeindruckt nun die Tiefe und stringente Vielfalt der Produktion.

Zweifellos hat sich Boguth konzeptionell und kompositorisch viele Gedanken gemacht, dazu gleichgesinnte und sensible Musiker gefunden und mit Joh Weisgerber (alias Monojo) auch einen Produzenten an seiner Seite, der über ein feines Gespür für Klangfarben und -ästhetik verfügt. Gemeinsam vermessen sie ein vermeintlich vertrautes Terrain, nämlich die Vertonung von Poesie aus der Feder von Dylan Thomas, verblüffen dabei aber mit ungewohnten musikalischen Blickwinkeln.

Boguths individuelle, genresprengende Klangsprache reicht weit über Jazz hinaus, verweist bisweilen auf Joe Jacksons intelligent-eingängige Melodik oder auf die verspielte Komplexität des Progressive Rock. Wobei es sich nicht um bewusste Referenzen handelt, weil Boguth sich nie mit Musik aus dieser Richtung beschäftigt hat.

Zu seinen erklärten Impulsgebern gehören Theo Bleckmann, John Hollenbeck und Michael Wollny. „Dabei gehe ich vom Kompositorischen aus. Bleckmann hat einen sehr puren Sound, Wollny schreibt verständliche, klare Formen, alle drei sind darauf aus, der Musik zu dienen.“ Ein hohes Maß an Klarheit, egal wie wandlungsfähig, variabel und voller Wendungen das jeweilige Stück letztlich in sich ist, begeistert Matthias Boguth.

Diese Haltung trägt viel zum besonderen Charakter von „Milk Wood“ bei. Bei der Wahl seiner gesanglichen Mittel zeigt Matthias Boguth einerseits eine große Spannweite, andererseits driftet er aber nie in exaltierte oder gar artifizielle Sphären ab. Sein volltönender Bariton kann jäh von warmem Timbre in nachdrücklichen bis scharfen Ausdruck umschlagen, zuweilen spielt er auch mit freien, suggestiven Klängen oder großer Geste, stets behält er die Komposition im Blick.

Auf die Frage nach der Besetzung des Quartetts antwortet Boguth als erstes: „Ich wollte unbedingt mit genau dieser Bandspielen.“ Erst als die Band – Matthias Boguth (voc, comp), Philip Frischkorn (p), Stephan Deller (b), Philipp Scholz (dr) – feststand, begann Boguth mit der Ausarbeitung seiner Kompositionen, natürlich auch eingedenk der speziellen Qualitäten seiner Partner.

Dylan Thomas entdeckte Boguth durch Christopher Nolans Film Interstellar, in dem ein Gedicht des walisischen Schriftstellers vorkommt. Im Original ist Thomas‘ „Under Milk Wood“ ein Radiohörspiel von 1954, das einen Tag im walisischen Küstendorf Llareggub erzählt. Für das Album suchte sich Boguth einzelne Motive heraus, um sie in Songs zu verwandeln.

Die Verdichtung führt zu manchen willkommenen Brüchen, den chronologischen Ablauf von Mitternacht bis Mitternacht behielt Boguth aber bei. Aus ihm resultieren nun einige relativ ruhige Stücke am Anfang der CD, während im zweiten Drittel kräftigere Energieschübe bis hin zu expressiven Passagen aufleuchten. Wie anderswo auf der Welt endet auch in Llareggub der Tag in einer Bar mit durchaus aufbrausenden Momenten, ehe man schließlich hinaus in die Nacht tritt, die den Eulen gehört. Boguths sonore, wandlungsfähige Stimme, das nuancierte bis kraftvolle Spiel der Musiker und die dramaturgischen Bögen der Musik ziehen den Hörer immer mehr in die Geschichte(n) hinein.

Matthias Boguth sagt von sich, dass er sich schon immer gerne in vielen Genres bewegt hat und unter anderem genau dieses Talent auch an seinen Bandpartnern schätzt. Tatsächlich ist „Milk Wood“ ein gelungenes Beispiel für undogmatische musikalische Offenheit. Denn bei aller Vielseitigkeit wirkt das Album in sich rund und konsequent. Ein bemerkenswertes Debüt eines Sängers und Komponisten, der man eine große Zukunft prophezeien kann. Anspieltipps: „The Drape“ und „Corner Of The Sailors Arms“. (Photo © uk-promotion)