Projekt Beschreibung

Cover zu Oumou Sangaré / Acoustic (No Format)

Woche 33/2020

Oumou Sangaré

Acoustic (No Format)

2017 erschien Oumou Sangarés letztes Album „Mogoya“. Davor waren acht lange Jahre vergangen, in denen sich die Sängerin aus Mali vor allem ihren Aufgaben als erfolgreiche Geschäftsfrau in vielen Branchen von der Hotellerie über den Autohandel bis zur Fischzucht widmete.

Auf dem in Stockholm und Paris eingespielten Album „Mogoya“ beschritt die Frau, die früher auf den Straßen Bamakos Wasser verkaufte, einen schmalen Grat zwischen der traditionellen Musik ihrer Heimatregion Wassoulou in Mali und einer technologiebedingten Entwurzelung. So fand sich Oumou Sangaré plötzlich in eine neue Popkulturdimension katapultiert.

Der kongolesische Künstler JP Mika malte sie für das Albumcover, Remixe von Sampha, St Germain, Malik Djoudi und anderen folgten für das Album „Mogoya Remixed“ und Beyoncé sampelte sie für den Song „Mood4Eva“. Nie schien Oumou Sangaré weiter von ihrem Heimatland entfernt zu sein.

Unter diesem Eindruck kam No Format!-Labelchef Laurent Bizot die Idee einer Akustikversion von „Mogoya“: „Nach einem Konzert in London aus Anlass des 15. Geburtstags von No Format! schlug ich Oumou vor, das Album, eine Art Mogoya Volume III, einzuspielen. Für dieses Konzert stimmte sie zum ersten Mal überhaupt einem Akustikansatz zu, was für ein Loslassen steht. Der dadurch entstandene Raum für ihre Stimme war einfach wunderbar.“

„Acoustic“ wurde in nur zwei Tagen (oder besser: durchgearbeiteten Nächten) unter „Live-Bedingungen“ ohne die sonst üblichen technischen Annehmlichkeiten im Midi Live Studio in Villetaneuse eingespielt. Es gab keine Verstärker, keine zweiten Takes, keine Overdubs, keine Kopfhörer – kein Netz und keinen doppelten Boden.

Jeder Musiker stellte sich auf das Ensemble ein und fügte doch seinen eigenen Touch, seine eigenen Nuancen hinzu. Mit dieser auf ein Minimum reduzierten, sehr egalitären Herangehensweise stellte sich eine Gruppendynamik und Wärme ein, die zu einer heutzutage sehr seltenen emotionalen Intensität führten und so etwas wie einen Moment der Wahrheit hervorbrachten.

Mit fast nackt klingender Stimme und ohne Ablenkungen jeglicher Art thematisiert Oumou Sangaré in den neun Songs das bittere Gegengewicht zu ihrem großen Erfolg: all die Eifersucht, den Groll, den Betrug, den sie in der stark konservativ geprägten Gesellschaft Malis ertragen muss. Dort wird sie oft für zu frei befunden, als zu sehr die Grenzen überschreitend und mit zu viel Glück gesegnet.

Aber die erlittene Boshaftigkeit änderte ihren Stil mitnichten, sondern wirkte ganz im Gegenteil als Ansporn und Motivation, ihre Rolle seit dem Erfolg ihres 1991 erschienenen Albums „Moussolou“ als wichtige Stimme in Mali einzunehmen. Die Cassettenversion des Albums wurde 250.000 Mal verkauft und hat viel für den Feminismus in Westafrika bewirkt.

Der Song „Diarabi Nene“ ist einer ihrer wichtigsten. Er führte zu einem Skandal, weil Oumou es wagte, der Welt von ihren ersten sinnlichen Begegnungen zu erzählen: „Ich schrieb den Text mit fünfzehn, damals verliebte ich mich zum ersten Mal. Ich singe ohne Hemmungen über die Liebkosungen meiner Hände auf dem Körper meiner Liebe und meinem wohligen Schauder bei der Berührung seiner Haut.“

Der Song war in einer von der hauptsächlich weiblichen Selbstverpflichtung zu Zurückhaltung und Sittsamkeit geprägten Welt einfach unvorstellbar, er konfrontierte Tabus und ließ Oumou Sangaré wie eine Revolutionärin erscheinen. Sie erlangte von einem Tag zum anderen eine so große Popularität unter der Jugend Westafrikas, dass sie diese nutzte, um Genitalbeschneidung, Zwangsehen und das ihre eigene Familie zerstörende System der Polygamie anzuprangern.

Als in der ganzen Welt bekannte Künstlerin ist Oumou Sangaré auch heute noch mit demselben Gefühl der Freiheit und Wagemut den Themen verbunden, die sie schon bei der Veröffentlichung ihrer ersten Cassette vor 30 Jahren ansprach. Sie ist die Kämpferin, die unbesiegte Rebellin, die sich auf „Acoustic“ vom allgegenwärtigen Zeitgeist endloser digitaler Manipulation abwendet und sich an die Speerspitze für die Befreiung der Frauen in Afrika über die Grenzen von Tradition und Moderne stellt. Anspieltipps: „„Diaraby Nene“ und „Kounkoun“.