Project Description

Paul Hankinson Dear Emily - Photo: © traumton

Woche 48/2019

Paul Hankinson

Dear Emily (Traumton)

Bereits das erste vielbeachtete Solo-Album „Echoes Of A Winter Journey“ des australischen Pianisten Paul Hankinson wurde durch das Werk eines anderen Künstlers (Schuberts Winterreise) inspiriert. „Dear Emily“ ist ebenfalls das Ergebnis einer künstlerischen Korrespondenz, einer Bezugnahme: die Vermessung eines lang gehegten stillen Raumes der Inspiration – das Leben und Werk der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson.
Mit Ihren Texten kommt Paul Hankinson schon während seines Studiums erstmals in Berührung, als er deren Vertonung durch den amerikanischen Komponisten Aaron Copland hört. Er selbst denkt allerdings nicht an eine Vertonung ihrer Texte, sein Interesse gilt einem anderen Aspekt; es ist die Stille zwischen ihren Worten, die ihn bewegt.
Dort eröffnet sich Raum für Resonanz, dort wird seine Musik entstehen, oszillierend zwischen ihren Poemen, ihrem Sein und der von ihm empfundenen Berührung. War „Echoes Of A Winter Journey“ schneedeckenschwer und doch von magischer Leichtigkeit, so ist „Dear Emily“ ein suchendsinnliches Gespräch, das einen Zwischenraum eröffnet, in dem sich die Metamorphose von Stille zu Klang vollzieht.
Von Emily Dickinson wird das Bild einer Einsiedlerin gezeichnet. Sie, die einsame Dichterin, schreibt heimlich, lebt ein zurückgezogenes Dasein, das Andere, das Draußen, allein durch einen Türspalt beobachtend. Noch ohne zu wissen warum, empfindet Paul Hankinson eine starke Anziehungskraft. Als er beschließt, sie zum Thema seines neuen Albums zu machen wacht er eines Morgens mit dem fragenden Gedanken auf: „Hat es im Haus der Emily Dickinson vielleicht ein Piano gegeben?“
Ja, es gab ein Piano, und ja, es wurde gespielt, von den Gästen des Hauses und von Emily selbst, die bis zu ihrem 16. Lebensjahr Klavierunterricht bekam. Das Klavier, so ist es in einem Text ihrer Übersetzerin Gunhild Kübler zu lesen, dient ihr zudem als Versteck von Büchern, die der stark im Glauben verwurzelte Vater, dessen Literatur vor allem die Bibel ist, als unpassend für seine Tochter empfunden hätte.
Die Vorstellung von Emily Dickinson und ihrem Klavier regt Pauls Hankinsons Phantasie weiter an. Jetzt wird deutlich, was vordem vage war: seine Musik wird die Bedeutung des Pianos im Leben der Dichterin zu fassen versuchen. Die ersten Piano-Miniaturen entstehen, sie tragen solche Bilder in sich, geheimnisvolle Relationen, poetische Innenschauen, bis seine Suchbewegung eine Tiefenschärfe herstellt, zur den großen immerwährenden Themen Liebe, Natur, Zeit und Unendlichkeit.
Die Kompositionen von „Dear Emily“ haben meist Titel, die von ihrer Hand geschrieben wurden, Gedichtzeilen, poetische Splitter, die für sich wirken, ohne dass man das umfangreiche Werk von Emily Dickinson kennen müsste. Auch interpretierte Fragmente ihre Notensammlung fließen ein, Beethovens „Mondschein Sonate“, oder auch das vielleicht durch die Sonate inspirierte Stück „Beethoven’s Dream“, das in ihrem „Piano Book“ zu finden ist.
Pauk Hankinson‘s Album „Dear Emily“ ist inspiriert vom Wesen und Werk einer Frau und Dichterin, Zeilen ihrer Poeme, der Vorstellung vom fernen Klang der Musik in ihrem Hause, dem Leben der Emily Dickinson … und ihres Pianos. Anspieltipps: „The World Feels Dusty“ und „Since The Mighty Autumn Afternoon“. (Photo © traumton)