Projekt Beschreibung

Woche 32/2020

São Paulo Panoc

São Paulo Panic (Berthold Records)

São Paulo Panic – dahinter verbirgt sich ein musikalisches Projekt, dessen Wurzeln in der „Jazzahead! 2019“ liegen. Alles begann mit einem Panel, zu dem die brasilianische Sängerin Dani Gurgel auf der Bremer Jazzmesse eingeladen hatte, um gemeinsam mit Musikern wie Thiago Rabello und Martin Fabricius über die Sprache des Jazz zu diskutieren – vor allem darüber, inwiefern sie es Musikern erlaubt, unabhängig von ihrer Nationalität miteinander zu kommunizieren.

Daraus ist schnell entstand die Idee entstanden, die diskutierten Punkte im Anschluss in die Praxis umzusetzen und ein Album aufzunehmen“, erinnert sich Gurgel. Eine Idee, die auch aus Sicht der beiden Köpfe von Berthold Records, Anton Berthold und Nicholas Bild, vielversprechend klang. Also – gesagt getan – schickten sie die beteiligten Musiker für 10 Tage nach Brasilien. Genauer gesagt nach São Paulo, die Heimatstadt von Gurgel und Rabello, wo beide ein Aufnahmestudio betreiben.

Die Ergebnisse dokumentiert das Album „São Paulo Panic“, eingespielt in der Besetzung Dani Gurgel (voc), Thiago Rabello (dr), Timo Vollbrecht (sax), Martin Fabricius (vibe), Tal Arditi (g) und Frederico Heliodoro (b). Vollbrecht, der aus Brooklyn/New York zum Projekt dazu stieß, würdigt die Entstehung dieses ganz besonderen Albums, das ohne den kreativen Mut der Labelchefs nicht entstanden wäre: „Es ist wirklich erstaunlich, was die Beiden in den vergangenen zehn Jahren auf die Beine gestellt haben. Künstler auf diese Weise zu unterstützen, ist schon außergewöhnlich“, findet der Saxofonist.

Die beteiligten Musiker hätte leicht eine Panikattacke befallen können, als sie zum ersten Mal im Studio aufeinandertrafen. So erklärt sich auch der Band- und Albumname. „Wie sollen wir das umsetzen, wird es überhaupt funktionieren?“, waren die ersten Gedanken, die Gurgel durch den Kopf schossen. „Das hätte alles ganz leicht schiefgehen können mit der Konsequenz, dass wir uns alle auf ewig gehasst hätten“, so die Sängerin im Rückblick.

Gedanken, die – mit Blick auf die heterogene Besetzung – nicht ganz unbegründet waren. Bassist Frederico Heliodoro stammt aus Belo Horizonte – einer Region, die für eine gänzlich andere musikalische Tradition steht. Der israelische Gitarrist Tal Arditi (lebt in Berlin) und der dänische Vibraphonist Martin Fabricius komplettieren das Sextett. Ein musikalisch und kulturell bunt zusammengewürfelter Haufen also.

Aber Rabello, der nicht nur Schlagzeug spielt, sondern auch in die Rollen des Aufnahmeleiters und des Albumproduzenten schlüpfte, sorgte für gute Startbedingungen. „Alles begann mit einem prächtigen Barbecue, das Thiago für uns zubereitete. Darin ist er ein wahrer Meister“, erinnert sich Vollbrecht. „Nach diesem gemeinschaftlichen, kulinarischen Erlebnis auf seinem Balkon schickte er uns in getrennte Aufnahmekabinen, was mich ziemlich skeptisch werden ließ. Denn ich war davon ausgegangen, dass wir erst einmal alle gemeinsam in einem Raum proben, um uns aufeinander einzustellen. Aber für Thiago war es völlig selbstverständlich, uns von Anfang an in isolierte Kabinen zu schicken, was auch prächtig funktioniert hat. Zudem war es eine clevere Idee von Dani, mit „Depois“ zu beginnen – einem Stück, das sie mit der brasilianischen Sängerin Tatiana Parra geschrieben hat und das wir alle kannten. Darin geht es um positive Erinnerungen. Ein exzellenter Eisbrecher, der von Anfang an richtig gut klang“, so der Saxofonist.

Vollbrechts anfängliche Skepsis schlug schnell ins Gegenteil um und mündete in „Com Tempo“ – einem neuen Song. „Wir kamen aus dem Studio und wollten gemeinsam zum Essen gehen, aber er wollte nicht mitkommen, sondern im Wohnzimmer bleiben. Dort schrieb er gerade die Musik zu einem ziemlich düsteren Text von mir über den Klimawandel in Brasilien“, erinnert sich Dani Gurgel.

Von ihr stammt auch der Text von „Past & Present“, einer Komposition des Gitarristen Tal Arditi. „Er hat das Stück seinem Urgroßvater gewidmet, der ihn in der Kindheit sehr beeinflusst hat. Er emigrierte von Paraguay nach Israel. Sein Großvater wiederum wanderte von Italien nach Brasilien aus. Ich finde es erstaunlich, welchen Einfluss manche Menschen auf andere haben können – auch wenn sie aus völlig anderen Regionen der Erde kommen“, erklärt Gurgel.

Wer sich die Stücke des Albums anhört, könnte vermuten, dass das Sextett nicht erst wenige Tage, sondern schon viele Jahre zusammenspielt. Scheinbar mühelos gelingt es den Musikern, mit einem spannenden Mix aus unterschiedlichen Musikstilen eine gemeinsame Stimme zu finden.

Für Dani Gurgel war es eine prägende Erfahrung, „sich mit den anderen Musikern auf halbem Weg zu treffen und von ihren musikalischen Backgrounds zu lernen“. Ihr Fazit: „Wenn ich São Paulo Panic in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass es nach keinem von uns klingt, weil es nach uns allen klingt.“ Anspieltipps: „Denois“ und „Big Dreams“.