Projekt Beschreibung

Woche 40/2020

Sara Decker

poetryfied (AMC Records)

Du aber bist der Hafen: Nach umtriebigen Jahren in der New Yorker Jazzszene begibt sich die preisgekrönte Jazz-Sängerin und Komponistin Sara Decker mit ihrem neuen Studioalbum „poetryfied“ auf Heimatsuche. Die Faszination für die Verschmelzung von Wort- und Klangkunst ist der Ausgangspunkt für Decker, sich auf diesem Album der Vertonung von Lyrik zu widmen, die ihr selbst viel bedeutet.

Die Initialzündung dafür war die frühe Begegnung mit der Dichterin Mascha Kaléko, von der das Zitat eingangs stammt: „Ihre Lyrik begleitet mich seit meiner Schulzeit und ich war immer schon beeindruckt von der Klarheit und Kraft ihrer Sprache. Sie war im zweiten Weltkrieg aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gezwungen, nach New York zu emigrieren. Ich kehrte wiederum von New York nach Deutschland zurück und Kalékos Gedichte halfen mir, wieder in meiner Sprache zu singen.“

Sara Decker beschreibt mit „poetryfied“ einen Emotionszyklus und beleuchtet darin wichtige Stationen des Lebens – ihres Lebens? Der Zyklus beginnt und endet ruhig, dazwischen folgt er Gefühlen, die sich unterschiedlichen Lebensabschnitten zuordnen lassen. Nicht chronologisch, sondern subjektiven Erinnerungen nachgebend, fächert sich „poetryfied“ auf.

Diese Ruhe ist gleich im zarten und kammermusikalischen Beginn des Albums zu hören. Die Vertonung von Kalékos Gedicht „Für Einen“ betont das Versichernde, Beruhigende ihrer Worte, die an den Lebenspartner, aber auch an ein Kind gerichtet sein können: Ich steure immer wieder her. Wie als Blick auf das weite Meer öffnet sich das Arrangement zum Klaviersolo hin in leichte Swing-Assoziationen, kehrt dann zur letzten Strophe und schließlich zur Schlusswendung in den sicheren Hafen zurück.

Wie in Zeitlupe beginnen Decker und Schlagzeuger Jeroen Truyen die Vertonung von Rilkes Text „Der Panther“, in dem der Dichter die große Frage nach der Freiheit stellt. Man hört förmlich das große Tier vor den Stäben seines Käfigs hin und her gehen, bis sich klangmalerisch der Vorhang der Pupille zur Seite schiebt und mit einem Flügelhornsolo der Blick kurzzeitig frei wird ins Innenleben des Raubtiers.

Es schließt sich mit „Rondo M.“ ein kurzes Intermezzo an, die Komponistin stellt vokal eine komplexe Melodie vor, die sich mit einem Latin-Groove verbindet, bevor sie nun selbst ein Solo beginnt. Mit gestochen scharfer Intonation gibt Decker hier Einblick in ihre stimmliche Flexibilität und Stilsicherheit. Ähnlich doppelbödig ist Rilkes „Nenn ich Dich Aufgang oder Untergang“, auch hier klangmalerisch wiedergespiegelt von versteckten Taktwechseln. Ein Wiegenlied, immer wieder subtil gestört vom verlängerten Taktmaß – doch die Harmonie überwiegt, denn die Abende sind mild und mein, die Traurigkeit kann überwunden werden.

Wie ein Kind das Leben zu betrachten ist Gegenstand vieler romantischer Lyrik, so auch bei Rilkes „Du musst das Leben nicht verstehen“. Die Leichtigkeit des Tambourin-Rhythmus und Flöten-Geflatters (Julia Kriegsmann) wird von Deckers unbefangenen Vokalisen verstärkt und versetzt die Hörenden unmittelbar zurück in unbeschwerte Kindertage.

Mit „Teardrop“ erinnert sich Sara Decker schließlich an ihre Pubertät und vertont den Massive Attack-Klassiker als Jazz-Version. Denn spätestens seit Bob Dylan den Literaturnobelpreis verliehen wurde, können auch Songtexte aus der Pop-Musik den Status von Lyrik haben. Das markante Riff (im Original Cembalo) spielen Klavier und Bass, Decker singt die Strophen leichtfüßig (fearless on my breath) – und klingt dabei sogar ein wenig wie Elizabeth Fraser in der Originalversion.

Nach einem furiosen Klaviersolo einigt sich die Band auf einen schweren Groove, der die Ernsthaftigkeit des Textes noch deutlicher zeigt als die gleichförmige Drum-Machine der Originalaufnahme von 1998. Mit dem Schluss-Riff knüpft das Arrangement an den Beginn des Stücks an und erinnert auch an den zarten Anfang von „Für Einen“.

Und wie man ein Gedicht immer wieder lesen kann, um es tiefer zu verstehen, so ist „poetryfied“ ein Album, das auch beim mehrfachen Hören immer wieder textlich und musikalisch neue Facetten bereithält. Anspieltipps: „Der Panther“ und „Teardrop“.

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