Projekt Beschreibung

Woche 41/2020

Simin Tander

Unfading (Jazzhaus Records)

Nach ihrem zweiten Soloalbum „Where Water Travels Home“ (JHR) und der international gefeierten Zusammenarbeit mit dem norwegischen Pianisten Tord Gustavsen auf dem ECM-Album „What Was Said“ (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik) öffnet die deutsch-afghanische Sängerin Simin Tander mit ‚Unfading‘ (VÖ 9. Oktober) eine neue Tür in ihrer künstlerischen Laufbahn, eingespielt mit einem frisch formierten und ungewöhnlich besetzten Quartett.

Simin Tander besinnt sich mit diesem Album auf den schöpferisch weiblichen Fluss von Songwriting und verknüpft die tiefe emotionale Kraft der Lieder mit Passagen improvisatorischer Freiheit. „Unvergänglich“, das wäre wohl die naheliegende Übersetzung für den Albumtitel. Doch für Simin Tander steckt mehr darin: „Es ist etwas, was war und wieder da ist, nach vorne geht, im neuen Glanz erstrahlt, eine Endlosigkeit besitzt. Ich verbinde damit eine sanfte, endlose, weibliche Bewegung“, sagt sie, und weiter: „die weibliche Perspektive, sie spielt ohne Zweifel eine tragende lyrische Rolle in diesem Zyklus von 15 Stücken. Sie ist der Spirit des Albums“.

Über die Jahre gelangte Simin Tander zu einem ganzheitlichen Umgang mit der Stimme. Dieser Umgang erlaubt es ihr nun auch, ihre tieferen Vokalregister auszuloten. Der Effekt ist überwältigend; ein ganz neuer Sog geht von ihrer Vokalkunst aus, zieht die Hörer unmittelbar in den Bann, geht im wahrsten Sinne unter die Haut. Und auf diese neue Stimmgebung reagiert ihre neue Band kongenial, lässt gefühlstief die weibliche Lyrik erfahren, die das Album bestimmt.

Mit dem Schweizer Drummer Samuel Rohrer und dem schwedischen Bassisten Björn Meyer fand Tander ein eingespieltes Traumpaar nicht nur für die rhythmische Arbeit: Beide setzen sowohl filigrane Effekte wie auch flächige Akzente, Rohrer beansprucht durchaus packend die Bass Drum, Meyer übernimmt mal gitarrengleich eine elegante Begleitmelodie.

Durch eine alte Jan Garbarek-Platte lernte Simin Tander schließlich ein Instrument kennen, das wie wenige in der Lage ist, einen warmen und zugleich satten Klang mit schwebenden Obertönen zu vereinen. Die barocke Viola d’Amore geht durch ihre fünf bis sieben Spiel- und zusätzlichen Resonanzsaiten in eine große Ausdruckstiefe hinein. Der tunesische Solist Jasser Haj Youssef lädt sie zusätzlich mit orientalisch schweifenden Linien auf. Und so nahm die Viola d‘Amore die spannende Rolle der zweiten melodischen Stimme ein.

Über die Adaptionen traditioneller Lyrik hinaus schrieb Simin Tander auch eigene Gedichte zu ihrer Musik: Sie sind oft geprägt von maritimen Motiven – zum Beispiel im Titelstück, aber auch in „Walk Each Other Home“ und „The Sea Is Near“. Textlich sind die beiden verwandt, musikalisch aber einmal getragen hymnisch, einmal lichtvoll strahlend. Spontan eingespielte Improvisationen schließlich verkörpern einen Gegenpol im eher Song-orientierten Werk.

Ganz am Ende mündet dieses so weibliche Album in eine Version von Bob Dylans „The Times They Are A-Changin‘“: Simin Tander hat den Song auf den Kopf gestellt, hat aus der jugendlich-rebellischen Stimmung einen fast sakralen Ton hervorgeholt.
Die Innerlichkeit von „Unfading“ umfängt hier die Musikgeschichte an ganz unerwarteter Stelle und sagt uns: Wenn Veränderung fließend geschieht, ist die Wirkung auf unsere Ohren umso beständiger und betörender. Anspieltipps: „Yar Kho Laro“ und „And The Water Stretches Far Away“. (Photo © uk-promotion/JHR)