Projekt Beschreibung

Photo © ub-comm

Woche 18/2020

Tamikrest

Tamotaït (Glitterbeat Records)

Im besten aller möglichen Fälle hat Musik eine über die Anzahl ihrer Noten und gesungenen Worte hinausgehende Bedeutung. Mitunter durchdringt sie ein leicht entzündbarer Geist mit einer gefährlichen Flamme. Bedingt durch die brisante politische Situation in der Sahara brennt dieser auf „Tamotaït“, dem neuen Album von Tamikrest lichterloh – in ihm steckt die Flamme des Widerstands, aber auch der Traum für eine bessere Zukunft.

Das Album definiert sich über seinen Titel“, erklärt Sänger, Gitarrist und Songschreiber Ousmane Ag Mossa: „Tamotaït bedeutet die Hoffnung auf positiven Wandel“. Ein Wandel wie ein Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen im Norden Malis und der gesamten Region, ein Wandel wie die Chance, mit den Plänen für ein eigenes Heimatland namens Azawad der Kel Tamasheq, wie schon für eine kurze Zeit im Jahr 2012 voranzukommen.

Tamikrests Musik wird von Gedanken, Träumen, Inspirationen und gemeinsamen Experimenten geformt: „Wir sind eine Band und wenn wir zusammen spielen, bringt jeder seine eigene Spielweise mit“, so Ag Mossa, „Manche Kompositionen haben ihren Ursprung in einem Riff, andere in einem Melodieteil oder Rhythmus und jeder Musiker fügt seinen Input hinzu. Unsere Idee war es, einen roten Faden aus der Tamasheq-Musik durch andere Welten zu tragen, ob sie unseren eigenen Einflüssen oder den Begegnungen auf unseren Reisen entstammen.“

Der rote Faden ist die Leidenschaft. Man kann sie in der allerersten Note des Eröffnungsstücks „Awnafin“ mit seinem von Trotz befeuerten Gesang hören bis hin zu den fließend-luftigen Melodien von „Tabsit“ am Ende des Albums. Es ist „assouf“, im Exil entstehende Musik.

Durch die toxischen politischen Zustände in ihrer Heimat leben die Gründungsmitglieder von Tamikrest schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr in der malischen Stadt Kidal, wo Tamikrest im Jahr 2007 gegründet wurde, sondern im algerischen Tamanrasset, in Paris und manchmal auch im Grenzland zwischen Algerien und Mali.

Aber das Exil kann auch die Hoffnung auf Rückkehr in sich tragen und in den Schlüsselstücken „Amzagh“ und „As Sastnan Hidjan“ erzählt Tamikrest von der möglichen Zukunft der Kel Tamasheq. „Amzagh ist ein Song, der die Menschen heutzutage beschreibt und über die Menschen in der Zukunft nachdenkt“ so Percussionist und Sänger Aghaly Ag Mohamedine.“ Das Stück „As Sastnam Hidjan“ wagt schon einmal einen solchen Blick: „es geht um eine Revolution in der Tamasheq-Kultur“, so Mohamedine, „Wir wollen für sie und unsere Traditionen kämpfen. Wir nehmen die Unterdrückung nicht als gegeben hin. Wir stehen auf und wir kämpfen.“

Das ist mehr als ein Lippenbekenntnis und man hört es in der Art und Weise, wie sich die Musik immer weiter aufbaut, in den beiden sich miteinander verflechtenden, unaufhörlich insistierenden Gitarren von Ag Mossa und Paul Salvagnac bis das Ganze schlussendlich überkocht, die Flamme hell erleuchtet.
Feuer reinigt aber nicht nur, es bringt auch Wärme und Geborgenheit. So erfüllt sein Leuchten das wundervolle „Timtarin“, in dem die bekannte marokkanische Sängerin Hindi Zahra zur Band hinzustößt.

Auf Tamotaït geht die Band einen großen Schritt weiter in Richtung Klangabenteuer und erforscht jeden einzelnen Winkel ihres Sounds – sogar Musik, die weit weg von der Sahara in Japan entstanden ist. Während einer Tournee war Ag Mossa begeistert vom Klang traditioneller japanischer Instrumente: „Ich beschloss zurückzukehren, um mehr über die Kultur und die Musik zu erfahren. Während meines Besuchs komponierte ich einige Stücke auf einer der abgelegenen japanischen Inseln. Und da das erste Songwriting für dieses Album in der Wüste stattfand und auf den Inseln in Japan endete, wollten wir dies auf dem Album widerspiegeln.“

Die in Japan geplanten Aufnahmen wurden fast durch einen Taifun verhindert, aber ein Stück ist nun doch auf dem Album enthalten. In „Tabsit“ mit seiner hauchzarten Melodie gleiten die Shamisen und die 5-saitige Tonkori der Gastmusiker Atsushi Sakta und Oki Kano nur so um die Gitarren. In ihm trifft die Wüste auf die aufgehende Sonne.

Der größte Teil von Tamotaït entstand aber in David Odlums (Glen Hansard, Gemma Hayes, Tinariwen) Studio in Frankreich; beim letzten Album „Kidal“ war Odlum als Mixer dabei, beim neuen Album als Produzent. „Wir wollten ein modernes Album machen, aber mit Vintage-Sounds, und verliebten uns vor ein paar Jahren in sein Studio Black Box“ erklärt Ag Mossa. „Wir wollten vorab so viel wie möglich an den Sounds arbeiten und nicht alles dem Mischvorgang überlassen. So verbrachten wir Zeit mit ihm und arbeiteten die Arrangements aus, bevor wir mit den Aufnahmen begannen, und er half uns auch sehr bei der Auswahl der Amps und Mikrophone.“

Der Odlum-Effekt macht sich am deutlichsten im Stück „Anha Achal Wad Namda“ bemerkbar. Es gibt da diesen einen Moment, in dem die straffe Rhythmusgruppe von Ag Mohamedine, Cheikh Ag Tiglia (Bass) und Nicolas Grupp (Schlagzeug) einsetzt und den puren, perfekten Rock’n’Roll-Track in die Stratosphäre schießt. Anspieltipps: „Timtarin“ und „As Sastnan HiDJan“. (Photo © ub-comm)